Wie ein Internet Meme ihr Leben zerstörte

2014 erlangte das Model Heidi Yeh mit dem Bild für eine Werbekampagne einer taiwanesischen Schönheitsklinik weltweite Beachtung. Ein Internet Meme, dass ihre Karriere und selbst ihr Privatleben weitgehend zerstörte, zirkulierte in den sozialen Netzwerken und wurde bis zum heutigen Tag millionenfach geteilt. Jetzt kämpft sie um ihre Reputation und möchte uns alle vor dem allzu sorglosen Umgang mit den sozialen Netzwerken warnen.

 

Big Data ist in aller Munde und täglich werden wir über diverse soziale Medien mit gefälschten Tatsachen zu allen nur erdenklichen Themen überschüttet. Sei es über Sport oder Politik, je unsinniger und aufreißerischer eine Meldung, desto öfter wird diese im Freundes- und Bekanntenkreis weitergereicht. Wer sich hinter dem Bild oder Video tatsächlich verbirgt und auf Kosten welcher Person man sich letztendlich amüsiert, bleibt zumeist im Verborgenen. Mit nur einen Klick tragen wir diese Nachrichten in die Tiefen des World Wide Webs und tragen zum Erfolg so mancher Meldung mit zweifelhaftem Inhalt bei. Die aufgebaute Aufmerksamkeit ebbt zumeist innerhalb kurzer Zeit wieder ab, aber manche Bilder bleiben hängen. Und wenige sogar für sehr lange Zeit.

Ähnlich erging es dem taiwanesischen Model Heidi Yeh. 2004 war sie gerade einmal zwei Jahre im Modelgeschäft, hatte aber bereits ein beachtliches Portfolio mit Werbekampagnen weltweit agierender Marken und mehreren Auftritten in Musikvideos vorzuweisen. Sie war gut gebucht und die Aufträge wurden immer zahlreicher und lukrativer. Bis zu diesem einen Tag, den einen Auftrag, der ihr das Leben für die kommenden Jahre zur Hölle machen sollte.

 

Ein Vertrag – viele Freiheiten

Yeh wurde zunächst von der US-amerikanischen Agentur J. Walter Thompson (JWT) für eine Werbeaufnahme kontaktiert. Der Vertrag zwischen ihrer Modelagentur, der Werbeagentur und dem Auftraggeber, eine taiwanesische Schönheitsklinik, beinhaltete zwar die Exklusivrechte am Bild, dafür sollte das entstandene Bild nur im eigenen Printmedium veröffentlicht werden. Hierfür sollte Yeh gemeinsam mit einem attraktiven, männlichen Model als fiktiven Ehemann und drei Kindern für ein „Familienporträt“ abgelichtet werden. Um den Gegensatz zu dem äußerlich scheinbar perfekten Ehepaar zu verdeutlichen, wurden nachträglich die Gesichter der Kinder mittels eines Bildbearbeitungsprogrammes „verunstaltet“. Indem man nachträglich die Lippen unproportional vergrößerte, die Nase abflachte und die Augen verkleinerte, hat man die Gesichtszüge der Kindermodelle beinahe vollständig verfremdet. Abschließend fügte man noch eine Bildunterschrift mit folgendem Text hinzu: „The only thing you’ll ever have to worry about is how to explain it to the kids“ – frei ins dt. übersetzt: „Das einzige, worüber du dir jemals Gedanken machen musst, ist, wie du es den Kindern erklärst.“ Eine in Wörter gefasste Anspielung auf das makellose Aussehen der Eltern infolge operativer Schönheitskorrekturen und den gegensätzlichen optischen „Makel“ der Kinder. Das Bild suggeriert die logische Schlussfolgerung jeder Schönheitskorrektur: Während der Patient nach dem Eingriff mit einem neuen Antlitz die Klinik verlässt, hat der Eingriff keine Auswirkung auf die Gene und das Aussehen zukünftiger Kinder.

Internet Meme Plastic Surgery
Ein Bild mit bedenklicher Botschaft. Die ursprüngliche Intention der Aufnahme war lediglich für eine Schönheitsklinik in Taiwan zu werben.

 

Das Internet vergisst nicht

Entgegen der ursprünglichen Vereinbarung landete das Bild bereits kurze Zeit später in einer Online-Werbeeinschaltung der Schönheitsklinik Simple Beauty, ohne für größeres öffentliches Aufsehen zu sorgen. 2012 wurde das Bild plötzlich erneut aufgegriffen und machte in den sozialen Netzwerken rasch die Runden. Innerhalb kurzer Zeit wurde das Bild tausendfach geteilt. Wie aus dem nichts war ein neues Internetphänomen geboren und fast zeitgleich folgten erste Abwandlungen des Bildes mit neuer Bildunterschrift (Meme Caption).

Selbst Nachrichtenportale nahmen sich dem neuen Internetphänomen (Internet Meme) plötzlich an und begannen immer neue Geschichten um das Werbesujet als tatsächliche Begebenheit zu verbreiten. Ohne redaktionelle Recherche wanderte die Geschichte schlussendlich in die Printmedien dieser Welt. Die chinesische Zeitung Heilongjiang Morning Post berichtete, dass ein vermögender chinesischer Geschäftsmann erfolgreich seine Frau verklagt hatte, nachdem diese bereits zwei gemeinsame, hässliche Kinder zur Welt brachte. Bevor Yeh ihren Mann kennengelernt hat, habe sie sich zahlreichen teuren Schönheitskorrekturen unterzogen und diese anschließend vor ihm verschwiegen. Dem Bericht zufolge hatte Yeh die Befürchtung gehabt, er würde sie nicht heiraten, wüsste er, wie sie zuvor ausgesehen habe.

Auf die niederen Bedürfnisse des Mannes wird in dem Artikel mit keinem Wort eingegangen. Stattdessen wird die junge Frau mit dem kosmetischen Lächeln der Lüge und der Geldgier bezichtigt und weltweit vor dem Pranger gestellt. Die Heilongjiang Morning Post entschuldigte sich später öffentlich für die Verbreitung der fiktiven Geschichte fern jeder Faktengrundlage, aber für eine Reputation war es bereits zu spät. Der gute Ruf und die Karriere des Models waren bereits unumgänglich zerstört und das Bild weltweit millionenfach geteilt worden. Es war sich quasi die ganze Welt einig, dass Frau Yeh ihren Mann hintergangen hatte. Mit Bildunterschriften wie „Plastic Surgery – You can’t hide it forever“ zu deutsch: „Schönheitskorrekturen – du kannst es nicht für immer verheimlichen“, wurde Yeh unfreiwillig zum Symbolbild des asiatischen Beautywahns. Sie schätzt, dass ihr infolge der negativen Berichterstattung über die folgenden Jahre mehrere topdotierte Aufträge und mögliche Einnahmen von ungerechnet 100.000 US-Dollar (rund 85.000 Euro) entgangen sind.

Die Kontrolle über ihr eigenes Bild zu verlieren, kostete ihr nicht nur ihre Modelkarriere, sondern hatte auch gravierende Auswirkungen auf das private Umfeld. Zu Beginn glaubte sie noch an einen Irrtum oder bösen Scherz, aber dann begannen Personen aus ihrem Umfeld plötzlich Fragen zum Bild und ihrer Rolle zu stellen. Aus Scham über die nicht abreißenden Gerüchte beendete ihr Freund die Beziehung. Unzählige Male war sie weinend zusammengebrochen, erzählte Heidi Yeh in einem Interview zu Beginn dieses Jahres. Sie möchte auch kein Model mehr sein. Ein Model zu sein, bedeutet für sie von jedermann leicht angreifbar zu sein, ohne sich dagegen wehren zu können.

 

Der letzte Weg zur Gerechtigkeit

Obwohl eine Vereinbarung mit der US-amerikanischen Werbeagentur JWT vorsah, das Bild nur in einem Printmedium der Klinik zu veröffentlichen, verweist die Agentur auf eine Klausel im Vertrag das Bild auch darüber hinaus frei nutzen und nach den eigenen Bedürfnissen bearbeiten zu dürfen. Laut Vertrag und entgegen Yehs Annahme durfte das Bild somit beliebig weitergegeben werden – also auch an die Klinik Simple Beauty. Die Klinik überlegt nun ihrerseits Heidi Yeh für die negative Puplicity und geäußerten Unwahrheiten gegen das Unternehmen zu verklagen. In einem Facebook-Eintrag legt die Schönheitsklinik Simple Beauty ihre Sicht des Sachverhaltes nochmals dar. Sie hätten das Recht gehabt, das damals entstandene Bild ebenfalls für ihre Zwecke zu verwenden. Darüber hinaus würden von Seiten der Klinik keine weiteren Erklärungen veröffentlicht werden, solange der Fall nicht vollständig abgeschlossen sei. Erst kürzlich gelang es Yeh, Simple Beauty dazu zu bewegen, das Bild von der Homepage zu löschen, nachdem sie während einer öffentlichen Pressekonferenz beiden, JWT und Simple Beauty, mit klagen drohte.

Wenn auch der gute Ruf beschädigt ist, Heidi Yeh hat sich entschlossen die Schönheitsklinik und die Werbeagentur, über die der Vertrag letztendlich ausverhandelt wurde, zur Zahlung von umgerechnet fünf Millionen NTD (rund 140.000 Euro) zu drängen. Ihrer eigenen Aussage nach, hat die finanzielle Entschädigung nicht die oberste Priorität. Sie möchte, dass die Welt die Wahrheit über sie und das Bild erfährt.



Kanntest auch du das Internet Meme bereits? Wie spiegelt deiner Meinung nach diese Geschichte den Medienkonsum meist junger Leute wider? Wie kann man zukünftig potenzielle Opfer vor der öffentlichen Verleumdung im Netz bewahren? Welchen Schutz, welche Gesetze bedarf es hierfür und wie kann ich mich selbst davor bewahren? Freue mich wie immer auf eure zahlreichen Antworten und verbleibe bis zum nächsten Mal auf Facebook und hier in den Kommentaren!


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Weiterführende Links:

Quellenangaben:

Titelbild: https://zahazee.files.wordpress.com/2015/11/0b848cdd-bb4a-4295-8e63-cbb5db7376f6.jpeg?w=656, https://www.nknews.org/wp-content/uploads/2015/12/image.jpg (25.07.2018, 23:33) – Bild der Werbeaufnahme für eine Schönheitsklinik in Taiwan .

 

http://dr93qnyg6oltl.cloudfront.net/wp-content/uploads/2018/07/04124613/plastic.jpg (23.07.2018, 23:37) – Internet Meme mit Bildunterschrift Plastic Surgery.

https://www.youtube.com/watch?time_continue=18&v=7WMebV5qt3s (23.07.2018, 23:38) – BBC Interview mit Heidi Yeh.

 

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