Gefangener der Zeugen Jehovas: Interview mit einem Aussteiger

Nimrod, der unter seinem bürgerlichen Namen nicht genannt werden möchte verbrachte seine gesamte Jugend gemeinsam mit seinen Eltern und zwei älteren Schwestern in der christlichen Sekte der Zeugen Jehovas, bis er im Erwachsenenalter den Entschluss zum Ausstieg und der Abkehr zur Religionsgemeinschaft fasste. Bis dahin bestimmte die Sekte bereits seit über 20 Jahren sein Leben – eine Zeit, die bis heute an ihm nicht spurlos vorübergegangen ist. Uns gab er die Möglichkeit für einen Einblick in seinen damaligen Alltag, um zu verstehen was es für ihn bedeutete als Jugendlicher im Kreise der Zeugen Jehovas aufzuwachsen.

 

Heute spreche ich mit einem der interessantesten Interviewpartner seit Langem: Dem 45 Jahre alten Nimrod aus Schleswig Holstein. Seine Eltern konvertierten in den 60er Jahren zur Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas, der seine zwei älteren Schwestern, deren Familien und seine eigenen Eltern bis heute angehören. Er selbst fasste den Entschluss zum Austritt im Jahre 1993.


Mothersdirt: Wenn du an deine Kindheit bei den Zeugen Jehovas zurückblickst, welche Erinnerung hat dich bis heute am stärksten geprägt?

Ich glaube, es gibt da nicht DIE Erinnerung, die mich am stärksten geprägt hat. Natürlich erinnere ich mich daran, als kleines Kind, abends in den Zusammenkünften im Königreichssaal müde und unruhig auf dem Stuhl hin und her gerutscht zu sein, bis mich mein Vater an den Haaren in einen Nebenraum geschliffen hat. Dort wurden die Kinder sozusagen zur Ruhe gezüchtigt.
Ich erinnere mich auch an Geburtstage oder Weihnachtsfeiern in den ersten Schuljahren, an denen man als Zeuge Jehovas nicht teilnehmen durfte. Man gewöhnte sich früh daran „anders“ zu sein.

Als Einschlaflektüre lasen mir meine Eltern vor dem Zubettgehen biblische Geschichten vor. Am interessantesten waren da natürlich die alttestamentarischen Horrorgeschichten von einem brutalen Gott, der seine Widersacher ohne Gnade vernichtete. Es wurde immer wieder betont, dass die Vernichtung und die Dämonen das waren, was mich und alle anderen erwartete, wenn man sich vom Glauben abwand. So wurde ich von frühester Kindheit geschult.

Ich glaube, es ist das Gesamtpaket der Erinnerungen und Erlebnisse in frühester Kindheit, die mich geprägt haben.
Was aber als starke Erinnerung immer wieder zurückkommt, ist die Anspannung und Angst vor dem Vater, der damals als einer der Ältesten in der Versammlung eingesetzt war und einen Gummiriemen als Rute der Zucht missbrauchte. Angst vor Dämonen, Angst vor Vernichtung, Angst vor Sünde, Angst vor Bestrafung. Ich denke das Leben in ständiger Angst und Unsicherheit als Kind haben mein späteres Leben sehr geprägt. Ich wurde sozusagen auch nach dem Bruch mit den Zeugen von meinem Gewissen gejagt.

„Es wurde immer wieder betont, dass die Vernichtung und die Dämonen das waren, was mich und alle anderen erwartete, wenn man sich vom Glauben abwand.“

-Nimrod


Mothersdirt: Der körperliche und geistige Missbrauch besonders bei sehr jungen Menschen bleibt meist der Öffentlichkeit nicht gänzlich verborgen. Wie war dein Verhältnis zu Gleichaltrigen außerhalb der Zeugen Jehovas und war dir der Umgang mit nicht Gläubigen überhaupt gestattet?

Aus meiner Erfahrung macht sich die breite Öffentlichkeit nicht viele Gedanken über die Zeugen Jehovas. Natürlich gibt es bei den Meisten irgendeine Vorstellung oder Vorurteile, die in der Regel nicht viel mit der Realität zu tun haben. Es wird schnell verurteilt, ohne nach Tatsachen zu forschen oder sich Gedanken über die einzelnen Schicksale der Menschen innerhalb dieser Organisation zu machen. So wurde mir in der Schule weiß gemacht, Zeugen Jehovas hätten keinen Fernseher und auch keine Türen im Haus. Doch… das haben sie!
Das liegt wohl in der Natur des Menschen, dem Unbekannten noch etwas Geheimnisumwobenes zuzudichten.

Was mein Verhältnis zu Gleichaltrigen betrifft, so kam ich in der Schulzeit ganz gut mit ihnen klar.
Der Umgang mit Menschen außerhalb der Organisation wird trotzdem, wenn möglich auf ein Nötigstes beschränkt. Schule, Arbeit… das war`s in der Regel. Vereinsmitgliedschaften und private Aktivitäten mit „Weltmenschen“ sind nicht gerne gesehen, Besuche von Diskotheken waren zu meiner Zeit Tabu und „weltliche Musik“ wurde oft dämonisiert. Auch hatten weder meine Schwestern noch ich je ein Poster aus der BRAVO an der Wand, da dies nach Ansicht der Zeugen, hauptsächlich aber meines Vaters, Personenkult darstellen würde und man keine Ideale außer Gott oder Jesus haben sollte.


Mothersdirt: Du beschreibst deinen Vater als aggressive und beherrschende Person in der Familie. Wurden die Verbote allein von deinem Vater, oder auch von deiner Mutter ausgesprochen? Wie würdest du das Verhältnis zwischen euch Kinder und den beiden Elternteilen beschreiben?

Ich denke, man muss zwischen den Regeln, die der Vater als Person durchsetzte und den Regeln, die von der Organisation der Zeugen Jehovas aufgestellt wurden, differenzieren. Die religiösen Regeln galten für alle und wurden sowohl vom Vater als auch von der Mutter durchgesetzt. Die Strenge des Vaters fehlte allerdings bei unserer Mutter.

Das Verhältnis zwischen uns drei Geschwistern war etwas schwierig, da meine Schwestern sieben und neun Jahre älter sind als ich. Meine älteste Schwester verließ mit 17 das Haus. Da war ich acht Jahre alt. Meine andere Schwester ging zwei Jahre später auch im Alter von 17. Beide heirateten sehr früh. Es fehlte irgendwie immer die Herzlichkeit oder der Zusammenhalt, den man innerhalb einer Familie und zwischen Geschwistern vielleicht erwartet. Jeder kämpfte seinen eigenen Kampf.
Auch zwischen unseren Eltern war soweit ich mich erinnern kann nie ein herzliches Verhältnis. Mein Vater war ein Tyrann und so behandelte er nicht nur uns Kinder sondern auch seine Frau.

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Schnappschuss einer vermeintlich sorglosen Kindheit.

Mothersdirt: Würdest du die Spannungen innerhalb der Familie auf den Einfluss der Lehren der Zeugen Jehovas zurückführen? Oder ist es davon klar trennbar?

Die Spannungen, die innerhalb unserer Familie auftraten waren zum großen Teil dem Leben innerhalb dieser Organisation geschuldet. Natürlich trug die individuelle Art unseres Vaters gewisse Dinge umzusetzen ihren Teil dazu bei. Insofern sind die Spannungen nicht klar trennbar. Aber im Großen und Ganzen ist unsere Familie dem dogmatischen Irrglauben der Zeugen zum Opfer gefallen. Eine zerstörte Familie und zerstörte Persönlichkeiten im zweifelhaften Auftrag des Herrn.


Mothersdirt: Wenn du heute vom Irrglauben der Zeugen sprichst, wie waren deine Gedanken zur Lehre als Kind und Jugendlicher? Warst du überzeugter Anhänger, oder gab es auch größere Zweifel an der Richtigkeit der Auslegung?

Als Kind und selbst noch als Jugendlicher habe ich nie die Lehre der Zeugen in Frage gestellt. Wenn ich etwas in Frage gestellt habe, dann eher meine eigene Kraft, diesen Glauben auszuüben. Ich fühlte mich oft zu schwach, sündhaft, unwürdig.
Ich war definitiv überzeugter Anhänger und für mich war diese Lehre keine Auslegung, sondern DIE Wahrheit und als solche bezeichnen die Zeugen ihren Glauben nach wie vor. „DIE WAHRHEIT“, neben Theokratie, Weltmenschen, Überrest, usw. etwas, was zum Sondervokabular der Zeugen Jehovas gehört.


Mothersdirt: Wenn du für dich die Lehre der Zeugen als „DIE WAHRHEIT“ angenommen hast und es für dich daran keinen Zweifel gab, wie und wann kam dir der Gedanke trotzdem auszusteigen?

Es war kein plötzlicher Gedanke, es war eher ein Prozess, der schleichend begann. Es fing auch nicht damit an, dass ich die Lehren in Frage stellte, sondern dass ich mich selbst immer weniger in der Lage sah, diese Lehren befolgen zu können. Am Anfang plagte mich mein Gewissen, dann wurde es für mich mehr und mehr ein praktiziertes Doppelleben. Irgendwann endete es dann im Chaos. Ich ging nicht mehr von Haus zu Haus und immer weniger in die Zusammenkünfte. Je mehr ich mich geistig entfernte, desto mehr wuchs gleichzeitig der Druck von Familie und Organisation. In einer Nacht- und Nebelaktion packte ich meine Sachen und verschwand einfach aus der vertrauten Umgebung. Zu diesem Zeitpunkt fehlte mir der Mut und die Kraft meine Entscheidung bei den Zeugen und meiner Familie öffentlich zu offenbaren. Ich verschwand sozusagen spurlos, hatte lediglich die nötigsten Dinge und Papiere im Gepäck. Anfangs kam ich bei den wenigen Bekannten unter, die ich außerhalb der Organisation hatte. Ich kämpfte mich zurück ins Leben ohne zu wissen, wer ich eigentlich bin, woran ich glaubte, was die Zukunft bringt und ob ich eine Chance habe.
Das, was ich hier in kurzer Form beschreibe, war ein langer Prozess, der irgendwann im Teenageralter begann und sein Finale in meinem 23. Lebensjahr hatte. Selbst die ersten Jahre nach den Zeugen konnte ich an der Lehre an sich nichts Falsches erkennen. Ich verteufelte lediglich die Menschen, die diese praktizierten. Erst mit sehr viel Abstand begann sich mein Geist neu zu orientieren und gleichzeitig meine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.

„Ich kämpfte mich zurück ins Leben ohne zu wissen, wer ich eigentlich bin, woran ich glaubte, was die Zukunft bringt und ob ich eine Chance habe.“

-Nimrod


Mothersdirt: Hier und da hört man von ähnlichen Fällen wie deiner Geschichte und dem Druck, die willige Aussteiger erfahren. In welcher Form und Weise wurde auf dich vor deinem fluchtartigen Verschwinden Druck vonseiten der Familie und Organisation ausgeübt? Welche zu erwartende Konsequenzen hatten dich damals zur Flucht verleitet?

Wie schon beschrieben ist es zum großen Teil ein passiver Druck, dem man alleine schon durch sein von Kindheitstagen geschultes Gewissen ausgesetzt ist. Ein Druck, der sich bei jedem Fehltritt in Form von reuigen Gedanken meldet. Das Ergebnis einer über die Jahrzehnte perfektionierten Gehirnwäsche.
Eine andere Art von Druck ist natürlich auch die Beobachtung von Glaubensbrüdern und Schwestern, die jedes Schaf, das ihrer Meinung nach vom rechten Pfad abkommt bei der Ältestenschaft melden.
Es wird beobachtet, ob man regelmäßig die Zusammenkünfte besucht, sich aktiv daran beteiligt und gut vorbereitet hat, ob man seiner Pflicht der Verkündigung nachkommt und wie eng der Kontakt zu Menschen außerhalb der Organisation ist.

Für Kinder, die in diese Organisation geboren wurden, kommt natürlich noch die Erwartungshaltung der Eltern dazu, sich niemals vom „wahren Glauben“ abzuwenden.
Es ist also der Druck des eigenen Gewissens, der Respekt vor den Ältesten und die Angst zu enttäuschen – abgesehen von der Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit, die dich auf der anderen Seite erwarten. Insgesamt für viele Zeugen eine zu große Last, um sich endgültig von der Gemeinschaft trennen zu können.

„Die Flucht“ war sozusagen mein persönlicher Weg hinaus, um zumindest den eingehenden Gesprächen mit Ältesten und Eltern aus dem Weg zu gehen. So gab es für mich keine Argumente, die mich zurückhalten konnten, keine Vorwürfe und Angstmacherei, keinen zornigen Vater dem ich entgegentreten musste und keine weinende Mutter, die ich beruhigen musste. Immerhin haben meine Eltern zu diesem Zeitpunkt aus ihrer Sicht ihr Kind verloren.
Vielleicht wird dieser Weg von Außenstehenden als feige betrachtet, aber über 2 Jahrzehnte fremdgesteuertes Leben machen dich unsicher und labil.
Ich musste erst einmal selbst einen klaren Gedanken fassen, sehen wo ich stehe, Kraft tanken, die Füße auf die Erde bekommen.

Ich habe schon früh mitbekommen, welche katastrophalen Auswirkungen ein Gemeinschaftsentzug innerhalb einer Familie der Zeugen Jehovas haben kann.
Meine älteste Schwester brachte im Alter von ca. 17 Jahren einen Mann mit nach Hause. Er war kein Zeuge und fast 20 Jahre älter als sie. Ihr wurde aufgrund von vorehelichem Geschlechtsverkehr die Gemeinschaft entzogen und sie flog von zu Hause raus. Meine Eltern durften keinen Kontakt mehr zu ihr haben.
Mein Vater drehte durch und war nicht mehr ansprechbar, meine Mutter weinte sich durch die Nächte und ich versuchte irgendwie die Stellung zu halten und meinen Eltern nicht zusätzlichen Kummer zu bereiten.

Ich möchte hier noch einmal schildern, welche Auswirkungen für einen Zeugen der Gemeinschaftsentzug eines Glaubensbruders hat. Der Betreffende darf weder gegrüßt noch darf mit ihm gesprochen werden. Jeglicher Kontakt ist untersagt. Dieser Mensch ist der Vernichtung geweiht. Die einzige Möglichkeit für ihn ist Reue. Auch bei nahen Verwandten werden hier keine Ausnahmen gemacht.

Ich muss dazu sagen, dass meine Schwester irgendwann ihren „Fehltritt“ bereute und sie wieder in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. Ihr Mann nahm kurze Zeit später ebenfalls diesen Glauben an und sie sind bis heute verheiratet und haben mittlerweile fünf gemeinsame Kinder, die auch alle in diesem Glauben erzogen wurden, bzw. werden.


Mothersdirt: Im Hinblick auf drohende Konsequenzen hast du die Flucht nach vorne angetreten und deine gewohnte Umgebung verlassen. Wie lange warst du danach nicht auffindbar und wie wurde nach dir gesucht?

Ich war ca. drei Monate in der Versenkung verschwunden. Meine Eltern haben natürlich zunächst versucht, mich über Bekannte zu erreichen oder haben Orte aufgesucht, an denen sie mich vermuteten. Später wurde sogar die Polizei informiert.
Ich habe das alles von einem damaligen Weggefährten erfahren, dessen Eltern ebenfalls bei den Zeugen waren. Als ich davon erfuhr, meldete ich mich zunächst telefonisch bei meiner Familie.

Ich muss dazu sagen, dass ich vor meiner sogenannten Flucht ins Leben, Briefe sowohl für die Familie als auch für die Ältestenschaft der Zeugen abschickte.
Ich habe also darüber informiert, dass es nicht mein Ziel war mir mein Leben zu nehmen, sondern mein Leben zu finden.


Mothersdirt: Normalerweise zählt das Verschwinden des eigenen Kindes zum Schlimmsten, dass sich Eltern vorstellen können und eine Anzeige bei der Polizei erscheint dahingehend für die meisten als logischer Schritt. Welchem Umstand ist es schlussendlich zu verdanken gewesen, dass du wieder nach Hause zurückgekehrt bist und wie reagierte deine Familie und die Ältestenschaft darauf?

Zum einen war ich zu diesem Zeitpunkt fast 23 Jahre alt und wohnte nichtmehr bei meinen Eltern. Wie die meisten Zeugen Jehovas habe ich früh geheiratet. Da eine Beziehung zu einem Menschen des anderen Geschlechts in dieser Organisation ohne Heirat nicht wirklich möglich war/ist entscheiden sich viele junge Zeugen früh für diesen Schritt. Ich war gerade 19 Jahre alt.

Zum anderen hatte ich wie schon gesagt Briefe geschrieben, die meinen „Ausbruch“ erklären sollten. Einen Brief an die Ältesten der Versammlung, in dem ich meinen Austritt erklärte und auch meine Beweggründe offenbarte und einen Brief für meine Familie, mit der Bitte nicht nach mir zu suchen.
Ein Zurück in mein altes Leben gab es von diesem Zeitpunkt nicht mehr und ich habe diesen Schritt auch nie bereut.


Mothersdirt: Wie entwickelte sich in den darauffolgenden Jahren deine Beziehung zu deinen Eltern? Gab es auch nach dem Brief an die Ältestenschaft noch irgendwelche Versuche dich in die Organisation zurückzuholen?

Das persönliche Verhältnis zu meinen Eltern und der Familie im Allgemeinen war von diesem Zeitpunkt an gebrochen. Lediglich zu meiner Mutter hatte ich in unregelmäßigen Abständen noch Kontakt. Da Zeugen Jehovas jedoch keinen Umgang mit Ausgeschlossenen pflegen dürfen, wurde dieser auch immer weniger.
Anfangs versuchte meine Mutter mich immer wieder  durch Gespräche zur „Umkehr“ zu bewegen. Sie gab mir auch immer mal wieder Zeitschriften oder Bücher der Zeugen mit.

Mit 25 Jahren änderte ich meinen Nachnamen, um zum einen mit der Vergangenheit abzuschließen und zum anderen nicht mehr ohne weiteres auffindbar zu sein. Ein weiterer Grund war der Spruch meines Vaters, „er hätte keinen Sohn mehr“.

Es gab von Seiten der Ältestenschaft später zwei Versuche mich zurück in die Organisation zu holen. Sie klingelten irgendwann unerwartet an der Haustür und baten um ein Gespräch. Ich konnte ihnen aber relativ schnell meinen mittlerweile gefestigten Standpunkt klar machen.


Mothersdirt: Seit deinem erfolgreichen Ausstieg sind mittlerweile viele Jahre vergangen und du konntest den geistigen wie auch körperlichen Missbrauch scheinbar gut verarbeiten. Gibt es trotzdem Spuren der seelischen Verletzung, die bis heute in deinem täglichen Leben nachwirken? Wenn ja, welche?

Natürlich haben die Jahre Spuren hinterlassen.
Jeder ist irgendwie das, was aus ihm gemacht wurde. Jeder ist als Kind sowohl von den Eltern als auch von den Umständen, in denen er aufgewachsen ist, geprägt worden. Dazu kommen die jeweilige genetische Veranlagung und natürlich ein wenig das, was man selbst aus seinem Leben macht.
Aus dieser Mischung wird dann wohl das, was man schlechthin als Persönlichkeit bezeichnet.

Auch meine Persönlichkeit wurde geprägt. Ich habe Eigenschaften geerbt, vieles in mir wurde kaputt gemacht, ich wurde in Ansichten hineingezwungen…
Ich weiß nicht, wer ich geworden wäre, wenn ich bei anderen Eltern, in einem anderen Land und unter anderen Umständen groß geworden wäre.

Ich habe nach der Zeit bei den Zeugen keine Freundschaften pflegen können, ich fühle mich bis heute in Gruppen nicht wohl und lasse Menschen meist nicht sehr nahe an mich heran, ich bin in vielen Dingen sehr emotionslos geworden, ich kann weder Trauer noch Freude richtig fühlen. Eines der Gefühle, die ausgeprägt sind, ist Wut. Ich habe lange in meiner eigenen Welt gelebt und noch immer Probleme, diese Welt mit anderen Menschen zu teilen. Ich habe viele Jahre unter Depressionen gelitten, ohne für mich einordnen zu können, dass es welche sind. Fehlende Lebensfreude, mangelnde Motivation und ständige Müdigkeit gehörten lange zu meinem Alltag. Nach zwei gescheiterten Ehen und drei Kindern zu denen kaum, bis gar kein Kontakt besteht, habe ich vor ein paar Jahren den Entschluss gefasst mich zu befreien und für mich zu kämpfen.
Ich habe eine Partnerin, die mir gut tut, ich arbeite an mir, unserem gemeinsamen Kind ein besserer Vater zu sein und ich habe mich vor ca. einem Jahr in psychosomatische Behandlung begeben. Zusätzlich habe ich nach über 20 Jahren im letzten Jahr Kontakt zu einigen Menschen meiner Familie aufgenommen und versucht etwas Vergangenheit aufzuarbeiten.

Es geht bergauf.

nimrod_aktuell
Der Ausstieg aus der Sekte markierte den Anfang vom Ende. 20 Jahre später kämpft Nimrod noch immer, um die traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit aufzuarbeiten und diese Vergangenheit endlich hinter sich lassen zu können.

Mothersdirt: Obwohl du bereits im noch jungen Alter einen der ersten realistischen Möglichkeiten zum Ausstieg nutzte, war zu diesem Zeitpunkt deine Jugend bereits zerstört und die weitere Zukunft vorgeprägt. Welchen Rat würdest du aus heutiger Sicht einem jungen Erwachsenen mitgeben, der trotz möglicher Konsequenzen selbst ernsthaft mit dem Gedanken spielt aus der Gemeinschaft auszutreten?

Da ich weiß, wie schwer es ist den Schritt aus dieser Organisation zu gehen, insbesondere bei Menschen, die in diese hineingeboren wurden, ist es nicht leicht einen Rat zu geben, der pauschal eine Lösung bietet.
Wer mit dem Gedanken spielt, diese Gemeinschaft zu verlassen, muss sich der Konsequenzen bewusst sein und bereit sein, damit zu leben.
Letztendlich sollte aber jeder auf sein Herz hören, und wenn das Gefühl dir sagt, dass der Weg der Zeugen Jehovas nicht deiner ist, dann sollte man auch bereit sein, für sein Leben zu kämpfen.

Es gibt viele Hilfestellungen, die man in solch einem Fall auch in Anspruch nehmen sollte.
Einfache Dinge wie Sportvereine, Hobbys, Internetforen oder vielleicht alte Schulfreunde können behilflich sein, erste Kontakte nach außen zu knüpfen. Wichtig ist, nicht das Gefühl zu haben nach der Zeit als Zeuge alleine zu sein. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit eine Therapie in Anspruch zu nehmen, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Gespräche und Erfahrungsaustausch mit anderen ausgeschlossenen Zeugen könnten ebenfalls eine Hilfe sein, sich über seine eigenen Beweggründe im Klaren zu werden.

„Wer mit dem Gedanken spielt, diese Gemeinschaft zu verlassen, muss sich der Konsequenzen bewusst sein und bereit sein, damit zu leben.“

-Nimrod

Ich habe selbst die Erfahrung gemacht, wie schwer man sich tun kann, sein vertrautes Leben hinter sich zu lassen. Aber wie heißt es in einem alten Seefahrerspruch: „Man kann keine neuen Ufer entdecken, hat man nicht den Mut die Küste aus den Augen zu verlieren.“
Und jeder der diesen Mut hat, wird irgendwann feststellen, dass es sich gelohnt hat zu kämpfen und dass dieses Leben so viel mehr zu bieten hat als wöchentliche Versammlungen, dem Studium von Publikationen, die von alten religiösen Heuchlern herausgegeben werden und dem ständigen Druck, irgendwelchen Regeln nicht gerecht werden zu können.
Kämpfe um dein Leben, kämpfe für dich selbst. Es lohnt sich.

…..und in 20 Jahren wirst du mehr enttäuscht sein über die Dinge, die du nicht getan hast, als über die Dinge, die du getan hast. Also löse die Knoten, laufe aus dem sicheren Hafen. Erfasse den Wind mit deinen Segeln. Erforsche…Träume.


Mothersdirt: Nimrod, herzlichen Dank für das interessante Gespräch und all die detaillierten Eindrücke aus deiner Kindheit bei den Zeugen Jehovas.

Für all jene, die selbst an einen Ausstieg denken oder sich mit diesem Thema noch etwas genauer beschäftigen möchten, gibt es am Ende des Beitrages noch einige Links zu Erzählungen von Ehemaligen, Adressen von Beratungsstellen sowie allgemeine Informationen und Hilfestellungen zum Ausstieg bei den Zeugen Jehovas.


Weiterführende Links:

Quellenangaben:

Alle Rechte zum Umfang und Inhalt des Artikels, sowie den Abbildungen bleiben bei den Verfassern – im Besonderen bei der Person hinter dem Pseudonym Nimrod. Das Titelbild ist hiervon ausdrücklich ausgenommen.


Titelbild: https://pixabay.com/de/depression-deprimiert-forlorn-1252577/https://commons.wikimedia.org/wiki/File:JW_ORG_logo.jpghttps://encrypted-tbn3.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9GcRVk74KnrOFxzjOuddWAP1y4f5V9f5sYbSfLgLUrv7za8xDE7hehttps://pixabay.com/de/dunkel-fenster-leuchten-licht-1309884/ (14.02.2017, 13:59) – Mann sitzt auf einem Sessel im dunklen Raum. Daneben blutendes JW.ORG-Logo (Bild wurde mit Photoshop erstellt).

 

Nimrod_Jugend.jpg (15.02.2017, 00:09) – Schnappschuss aus der Jugend von Nimrod. Aus privatem Archiv. Vielen Dank an „Nimrod“.

Nimrod_aktuell.jpg (15.02.2017, 00:11) – Aktuelles Foto von Nimrod mit Kapuze und einer Zigarette rauchend. Aus privatem Archiv. Vielen Dank an „Nimrod“.

20 Gedanken zu „Gefangener der Zeugen Jehovas: Interview mit einem Aussteiger

  • 16. Februar 2017 um 16:13
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    Vielen lieben Dank für die Offenheit. Bin selbst Aufsteiger, bin dort aufgewachsen. Es kommt mir so vieles bekannt vor.

    Antwort
  • 17. Februar 2017 um 1:15
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    Ja, bin auch ein reingeborener Zeuge gewesen, der mit 20 raus ist. Selbstmordversuch, Depressionen – das volle Programm. Erkenne vieles wieder. Auch ich bin in einer Nacht-und-Nebel-Aktion verschwunden. Bin jetzt 39 und habe meinen Traum in Angriff genommen und studiere derzeit Philosophie. Man kann es also schaffen, aber große Teile in einen bleiben Vernichtet und gebrochen…

    Antwort
    • 18. Februar 2017 um 15:01
      Permalink

      Hallo Marco,
      Gratuliere dir zum erfolgreichen Neuanfang! Da sehr viele Leser sich in ähnlicher Lage befinden oder eben noch mit dem Gedanken spielen aus der Sekte auszusteigen, würde es mich interessieren, wie du es aus dem tiefen Loch der Depression geschafft hast und dir neue Ziele setzen konntest. Das große Problem vieler ist eben nicht das Lossagen aus der ZJ-Gemeinschaft, sondern diese anschließende Leere zu überwinden. Dein Zeugnis ist sicherlich für viele sehr ermutigend!

      LG.
      Da_wolf

      Antwort
  • Pingback: Zeugnis eines ehem. Zeugen Jehovas – koalapinguin

  • 17. Februar 2017 um 13:59
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    Ich möchte diese Sekte nicht christlich bezeichnen. Wenn Sie Christus nachfolgen würden, würden sie sich nicht so falsch und unbiblisch verhalten.

    Antwort
    • 18. Februar 2017 um 21:23
      Permalink

      Wer verhält sich richtig und biblisch? Die großen Kirchen, die sich ihren Reichtum durch Mord, Intrigen und Enteignung angehäuft haben? Die gleichen Kirchem, die Wasser predigen und Wein trinken, die Kindesmissbrauch in den eigenen Reihen vertuschen? Die die ihren Soldaten Gottes Segen geben und sich nicht einig sind, ob Schwule nun heiraten dürfen oder nicht….handel ich nach der Bibel oder mache ich mich unbeliebt? Ich kenne nicht eine einzige Organisation die sich christlich nennen dürfte.

      Antwort
  • 17. Februar 2017 um 18:55
    Permalink

    Ich bin immer wieder erstaunt über solche Geschichten… Weil es sich anhört wie Fiktion und eben genau das nicht ist. Ich kann mir nicht vorstellen selbst in Angst aufzuwachsen und bin wieder einmal mehr dankbar für meine Kindheit. Sie war nicht selbstverständlich – sollte es jedoch sein!

    Antwort
  • 17. Februar 2017 um 23:20
    Permalink

    Danke, du hast einen nüchternen, nicht anklagenden Bericht gegeben, der aus meiner Erfahrung als Aussteigerin, der vollen Wahrheit entspricht. Ich wünsche dir und uns, dass wir irgendwann endgültig die Ketten des Geistes ablegen können und echte Freiheit empfinden können! Umarmung Bruder Nimrod. 🙂

    Antwort
    • 18. Februar 2017 um 15:11
      Permalink

      Hallo Johanna,

      Ich bedanke mich im Namen von Nimrod für deinen netten Kommentar. Musste in den letzten Tagen sogar lesen, dass manche die Authentizität seiner Worte infrage stellten und ihn als Lügner bezeichneten! Das schmerzt doppelt und zeigt nur, wie grausam die Menschen zueinander sein können! Wünsche auch dir viel Erfolg für die Zukunft!

      Schöne Grüße,
      Da_Wolf

      Antwort
      • 18. Februar 2017 um 20:59
        Permalink

        Es war nicht mein Anliegen Menschen zu beeinflussen oder von irgend etwas zu überzeugen. Diese Zeit liegt weit hinter mir. Dies ist ein Teil meiner Geschichte und meines Lebens und die, die mich der Lüge bezichtigen wissen anscheinend mehr von mir als ich selbst. Wie auch immer, wenn ich durch meinen Bericht Menschen ermutigen konnte ist mein Ziel erreicht.

        Antwort
  • 18. Februar 2017 um 2:06
    Permalink

    als Aussenstehende ist es kaum vorstellbar, so aufzuwachsen….ich habe viel Respekt vor Euch, das ihr den Absprung gewagt habt….so ein ganzes Leben und die Familie tatsächlich hinter sich zu lassen….

    Antwort
  • 19. Februar 2017 um 14:57
    Permalink

    ich bin erschüttert.
    doch wünsche ich nimrod und anderen aussteigern alles erdenklich gute für ihr leben nach den zeugen jehovas.
    hätte mich beinahe vor ein paar jahren als erwachsene den zeugen angeschlossen, weil ich mehr von und aus der bibel erfahren wollte.
    ein einziger tag entschied darüber, dass ich mich den zeugen nicht anschließe.
    damals war ich sehr einsam und die zeugen standen regelmäßig im städtchen an bestimmen plätzen.
    mit einer älteren zeugin bin ich in kontakt gekommen, sie war fast ein mutterersatz, denn sie zeigte sehr viel verständnis für mich.
    eines nachmittags besuchte ich sie, wir sprachen über die bibel und ihre geschichten.
    für ein paar tage später war ein erneuter besuch bei ihr verabredet, den ich aus gesundheitlichen gründen nicht wahrnehmen konnte.
    da ich keine telefonnummer hatte, konnte ich mich nicht melden und absagen.
    tage später hagelte es vorwürfe, denn ihre tochter sei an diesem tag auch zugegen gewesen, um mir mehr aus der bibel zu erzählen.
    wahrscheinlich sollte die tochter mich prüfen, denn kontakte zu weltlichen werden ja nicht gern gesehen.
    heute bin ich froh, nicht zeugin geworden zu sein.
    einsamkeit spüre ich heute auch noch immer mal wieder, aber meine geistige freiheit ist mir wichtiger als ein leben in so einer gemeinschaft.
    leider sind die zeugen jehovas als kirche in deutschland anerkannt worden, doch sind und bleiben sie eine sekte.

    Antwort
    • 25. Februar 2017 um 11:26
      Permalink

      Vielen Dank für dein tolles Zeugnis! Das Verhalten der von dir beschriebenen ZJ lässt sich am besten mit ‚Menschenfänger‘ beschreiben – aber im negativen Sinne. Natürlich möchte jede Religionsgemeinschaft missionieren und die Leute von der Richtigkeit ihres Glaubens überzeugen. Das machen politische Parteien nicht so viel anders! Die Frage ist nicht ob, sondern wie! Ein nein sollte niemals zu einem Ja werden und mit Druck kann man vielleicht ein Mitglied gewinnen, aber niemals eine echte Überzeugung! Vor allem im Christentum wird in der Bibel die Aufrichtigkeit zum Glaubensbekenntnis hervorgehoben und das Scheinchristentum kritisiert. Du kannst von Glück sprechen, dass du an diesem Tag verhindert warst und sich die Personen schon früh von ihrer wahren Seite gezeigt haben. Der wahre Gott ist schließlich für alle da und bewahrt auch schon einmal vor falschen Religionen, die zum Schein im Namen der Nächstenliebe handeln. Aber aus Erfahrung kann ich dir sagen, dass es auch sehr aufrichtige Religionsgemeinschaften gibt, die nicht nur von der Liebe Gottes und der Nächstenliebe im Gottesdienst reden, sondern diesen Glauben auch aufrichtig praktizieren. Kenne selbst eine dieser evangelikalen Freikirchen. Da kann ich selbst noch nach Jahren sagen, dass diese Leute eine Stütze des Lebens sind und selbst bei unterschiedlicher Meinung nicht unter Druck gesetzt wird oder gar verstoßen wird! Eine Seltenheit in einer Ich-bezogenen Gesellschaft.

      Antwort
  • 20. Februar 2017 um 16:13
    Permalink

    Sehr heftige Geschichte. Macht man sich gar nicht so klar, obwohl ich als Kind durchaus davon mitgekriegt hat. Die Kälte und Steifheit, von der Nimrod erzählt, fiel mir auf bei Geschwistern aus dem Musikunterricht. Die wollten keine Freundschaft und zu Weihnachten durften sie nicht auftreten. Das nimmt man so hin und denkt nicht weiter drüber nach. Man ahnte so was, aber man hat ja in der Schule auch gewußt, wer zu Hause verprügelt wird. So lernen wir früh, die Leiden der anderen hinzunehmen und später dann gar nicht mehr zu sehen.

    Antwort
    • 25. Februar 2017 um 11:06
      Permalink

      Echt toller Kommentar! Obwohl meine Schulzeit noch nicht so lange her ist, musste auch ich eine gewisse Verschlossenheit und kühle Distanz durch einen Mitschüler gegenüber uns feststellen. Auch er war zwar nie krank, aber bei Ausflûgen und Festen so gut wie nie anwesend. Irgendwann haben wir erfahren, dass er ein ZJ war, aber unter dem Deckmantel des ‚Christlichen Glaubens‘ habe auch keine weiteren Überlegungen angestrengt. Damals konnte ich den Begriff der Radikalität nicht mit dem Christentum in Verbindung bringen. Das war ein Phänomen, dass ich viel eher mit anderen Religionen in Verbindung brachte oder im Christentum des Mittelalters verortete. Heute sehe ich das natürlich wesentlich anders.

      Antwort
  • 21. Februar 2017 um 8:27
    Permalink

    @ Wolf
    Ich habe den Text mehrmals gelesen.
    Und weiss immer noch nicht, wie damit umzugehen.

    Nutzen Verbote solcher Sekten, die Religion (oder andere Thesen) nutzen um Zwang und Druck einsetzen, um kein individuelles Entfalten des Einzelnen in der Gruppe möglich zu machen?

    Was würde nutzen, öffentliches Thematisieren, immer und immer wieder?

    Darf fast alles und jedes religiös verbrämte Handeln einfach weiterhin mit Religionsfreiheit verharmlost werden, gerechtfertigt werden?

    Ich denke nein, da ich der Überzeugung bin, das jeder das Recht auf freie Entscheidung über sein Leben hat, niemand zu keiner Zeit einem Zwang ausgesetzt werden darf. Was die Jehovas und andere Sekten, Gemeinschaften als Kindererziehung ausgeben, hat nichts mit vernünftiger Erziehung zu tun

    Ich schrieb bereits mehrmals: Die individuelle Freiheit eines jeden Menschen hört da auf, wo die individuelle Freiheit eines anderen (oder mehrer) Menschen beeinträchtigt wird.

    Ob diese Beeinträchtigungen durch Handlungen, Reden oder Anweisungen wissentlich oder unwissentlich herbei geführt werden, ist dabei „wurscht“.

    All diese Gedanken lösen die Probleme nicht, es hilft wenig, die seelischen Verletzungen der Betroffenen zu überwinden, solche Verletzungen zukünftig zu verhindern, die „Gesellschaft“ zum Thema Sekten zu sensibilisieren, den Betroffenen, die „raus“ wollen, Hilfe zukommen zu lassen.

    Wie Eingangs geschrieben: ziemlich ratlos…..

    Antwort
    • 25. Februar 2017 um 10:54
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      Bin von deiner Antwort wenig überrascht, da ich ähnliches bereits erwartet habe. Auch ich habe mir jetzt mit der Beantwortung deiner Frage etwas mehr Zeit als sonst üblich gelassen, da viele meiner Fragen zu den ZJ in den letzten Tagen durch das reichhaltige Feedback auf Facebook und anderen Kanälen beantwortet wurden. Das Interview sollte ganz im Sinne des Interviewpartners die Organisation der ZJ nicht pauschal verurteilen. Es gibt solche und solche und um etwas Gegenteiliges zu behaupten fehlt mir der Einblick. Das Interview hat sicherlich vielen Aussteiger aus der Seele gesprochen, aber beileibe nicht jeden. Genauso vielfältig wie die einzelnen Schicksale sind, werden auch die Antworten zum Umgang mit der Organisation sein. Ich persönlich sehe es als sehr bedenklich, dass eine Organisation wie die ZJ weiterhin im geheimen Operieren darf, wohingegen sogar selbst die Überkirche im Vatikan schon mehr Kontrolle durch den Staat erfährt. Zumindest offiziell. Bei den ZJ wurden hingegen die Praktiken der vergangen Jahrzehnte nicht aufgeklärt. Wenn, dann nur intern. Aber das hat kaum Bedeutung! Betrachtet man ihre ‚Leitregeln‘, die ich auszugsweise in einem vorangegangenen Artikel bereits beschrieben habe, bin ich schon sehr verwundert, dass man diese Organisation tatsächlich als Kirchengemeinschaft anerkennen möchte.
      Man glaubt, dass in unserer aufgeklärten Welt kaum noch Aufklärungsarbeit notwendig sei. In Wahrheit sieht man aber selbst bei hochsensiblen Themen, wie dem Holocaust, wie wenig Informationen bei den Leuten schlussendlich angekommen sind. Nicht selten zeigten sich die Leser meines Artikels über die Praktiken bei den ZJ verwundert. Und genau das sind dann auch die potentiellen Opfer, die gezielt angeworben werden. Selbstbewusste Personen, die gegenüber christlichen Religionen sehr zögerlich sind oder gar eine starke Ablehnungshaltung zeigen, wird es wohl nur selten treffen. Daher glaube ich, dass man nie genug Aufklärungsarbeit leisten kann. Die ZJ werden noch immer vorwiegend als harmlose Organisation wahrgenommen. Die Praktiken dagegen ähneln in der Realität eher der Scientology. Beides Menschenfänger im Sinne einer finanziellen Ausbeutung. Würden die ZJ auch praktizieren, was sie im Vorfeld den Mitgliedern so schön in den Mund legen, gäbe es keinerlei Probleme. Die Personen könnten unter realistischen Aspekten abwiegen, ob diese Glaubensrichtung tatsächlich zu ihnen passt oder eben nicht. Erst diese Manipulation macht eine Religion (schein)heilig!

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  • 16. März 2017 um 14:03
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    Ich bin vor eine Jahr ausgeschlossen worden. Ich habe die Hölle durchmachen müssen. Ich finde es super dass es euch und solche Hilfen gibt.

    Antwort
    • 16. März 2017 um 14:13
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      Hallo Kaja,
      Vielen Dank für deinen Kommentar.
      Ganz wichtig ist an dieser Stelle zu sagen, dass du nicht nur richtig gehandelt hast, sondern auch keineswegs alleine sein musst. Durfte in letzter Zeit viele engagierte Ex-ZJ kennenlernen, die bereits vielen Aussteigern mit Rat und Tat zu Hilfe eilten. Solltest auch du fragen oder Unterstützung suchen, kann ich dich gerne an diese Personen weiter vermitteln. Schreib mir einfach eine Nachricht an meine Facebook-Seite oder eine Mail an mothersdirt@gmx.at

      Wünsche dir noch viel Kraft auf deinem weiteren Weg in die wiedererlangte Freiheit.

      Schöne Grüße,
      Da_Wolf

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