Nach Olympia kamen die Bomben

1984 wurden mit Sarajevo zum erst zweiten Mal nach 1980 in Moskau, die olympischen Winterspiele in einem kommunistischen Land ausgetragen. Heute, mehr als 30 Jahre später ist der Vielvölkerstaat längst Geschichte – genauso wie der Traum von Olympia. Was nicht durch Bomben zerstört wurde, stemmt sich als mahnendes Denkmal und Symbol der Hoffnung  gegen die Witterung.

 

Sarajvo 1984 Logo
Es gibt drei historische Ereignisse, die Sarajevo bekannt machten. Während das Attentat von 1914 an den Thronfolger Österreich-Ungarns und die Belagerung der Stadt im Zuge des Bosnienkrieges zwischen 1992 und 1995 für Tod und Gewalt sorgten, verkörpert das dritte Ereignis den denkbar friedlichsten Gedanken und ließ selbst verfeindete Nationen des kalten Krieges im Sport wieder näher zusammen kommen.
Tom Sandberg
Während die Olympioniken wie der Norweger Tom Sandberg in der Skisprungarena noch bejubelt wurden, vergingen gerade einmal acht Jahre bis…
Sarajevo_Mine
… die olympischen Sportstätten von einst von Gefechtstruppen der bosnischen Serben im Zuge des Bürgerkrieges besetzt wurden. Der Berg Trebević diente den Streitkräften der Republika Srpska während der Belagerung Sarajevos als Artilleriestellung. Da die Berghänge einen idealen Blick auf die umliegende Stadt boten, waren diese besonders hart umkämpft und sind noch bis heute mit tausenden Minen übersät.
Bob-Bahn_Sarajevo
Zuerst im Krieg zerstört, dann vom Wald überwuchert – Die fast 1,3 Kilometer lange Bobbahn auf dem Berg Trebević führt heute durch einen von geborstenen und Einschusslöcher übersäten Betonkanal zu einer zerbombten Zuschauerarena. Wo Zuschauer die Strecke säumten und den mutigen Athleten auf ihren waghalsigen Ritt durch die Wälder bejubelten, hat die Natur mittlerweile den Platz zurückerobert, der ihr genommen wurde.
Bob-Bahn_Sarajevo_Ziel
Der Zieleinlauf diente damals als Kulisse für den überwältigenden Doppelgold-Erfolg der DDR im Zweier- und Viererbob. Heute ist er ein beliebtes Ziel für Fotografen und Grafitti-Sprayer.
Sprungschanze_Sarajevo
1984 gewann hier  der deutsche Jens Weißflog Gold im Parallelstil. Von den Skisprungschanzen auf dem Berg Igman sind nach dem Krieg nur noch Betonskelette übrig geblieben. Am 10. März 2010 wurden auf einer Pressekonferenz Entwürfe zur Rekonstruktion der Schanzen mit Tribünen für bis zu 50.000 Zuseher und einem Panorama-Restaurant vorgestellt. Die Kosten sollen sich schätzungsweise auf sieben bis zehn Millionen Euro belaufen.
Skisprungschanzenturm
Von dieser Kabine aus beobachteten die Sprungrichter die Skisprungbewerbe auf dem Berg Igman. Der Aussichtsturm ist seit den Gefechten der 90er Jahre verwüstet.
Sarajevo_Siegerehrung
Genau an dieser Stelle wurden die Schifahrer mit ihren Medaillen geehrt. Im Zuge des Bosnienkrieges richteten hier die Erschießungskommandos der Armee zahlreiche Gefangene hin. Die Einschusslöcher sowie die zerschossenen Olympiaringe des ehemaligen Siegerpodestes wurden mittlerweile saniert. Seither dient das Denkmal als beliebtes Fotosujet für Touristen.
Sports Complex_Sarajevo_zerstört
Die Olympiahalle Zetra (auch Zetra-Arena genannt) war ein Eisstadion, in dem die olympischen Eisschnelllauf- und Eiskunstlaufbewerbe durchgeführt wurden. 1992 in Folge eines Bombardements beinahe vollständig zerstört, wurde das Gebäude in den Kriegsjahren als Leichenhalle sowie Lagerhalle für Medizin und Hilfsgüter benutzt. Die Holzsitze der Tribünen wurden zum Bau der Särge der getöteten Zivilisten verwendet. Das Gelände um die Halle verwandelte sich zum Gräberfeld.
Sports Complex_Sarajevo_neu
Nach Ende des Krieges wurde festgestellt, dass die vorhandenen Fundamente der Sporthalle noch intakt waren, sodass 1997 die SFOR mit der Rekonstruktion des Gebäudes begann. Heute dient die Halle für eine Vielzahl an Veranstaltungen,  jedoch nicht mehr für den Eissport. Hierfür wurde in unmittelbarer Nähe eine eigene Eisfläche als überdachte Traglufthalle errichtet. Vor der Olympiahalle befindet sich heute eine großflächig angelegte Grab- und Gedenkstätte.
Wolf_Sarajevo
Sarajewouuu“ heulte das Maskottchen Vučko im Werbespot zu den Spielen 1984. Der Anblick der Ruinen bringt nicht nur ihn zum Heulen.
Station_Sarajevo
Von diesem Häuschen auf einer der Bergstationen Sarajevos aus, konnten die Athleten mit der Gondel ins Tal fahren. Heute lässt kaum noch etwas auf die ursprüngliche Nutzung schließen.
Hotel_Sarajevo1
Das olympische Hotel von Ignaz: 1984 wurden hier die Olympioniken untergebracht und ab 1992 zu einem Gefangenenlager umfunktioniert, in dem gefoltert und gemordet wurde.
Hotel_Sarajevo2
Was nicht im Krieg zerstört wurde, holt sich langsam die Natur zurück. Ein Betongerippe, das sich noch höchstens selbst trägt, sind nicht selten die letzten Überreste. Ein Wiederaufbau ist nicht nur eine Frage der Finanzierung, sondern vor allem die der zahlreichen versteckten Blindgänger. Ein Schicksal, dass dieses ehemalige Hotel mit den meisten Bauten der Sportstätte teilt.
Mahnmal_Sarajevo
Die olympischen Sportstätten sind weit mehr als nur Zeugnisse glücklicher Zeiten. Kriegsdenkmäler wie dieses im Skizentrum von Ignaz erinnern an die bosnischen Soldaten, die während des Bürgerkrieges in den Jahren 1992 bis 1995 auf den Hügeln Sarajevos ihr Leben ließen.

Während Sarajevo bis 1992 als Austragungsort zahlreicher internationaler Sportveranstaltungen genutzt wurde, liegt das viel jüngere Olympiagelände von Sotschi bereits heute brach. Es scheint sich, wenn auch aus völlig anderen Gründen, das Bild von verlassenen und verfallenen Olympia-Sportstätten zu wiederholen. Nicht aus Gründen bewaffneter Konflikte, sondern aus Überdimensionalität, Misswirtschaft und fehlender Nachnutzungskonzepte.

Heute noch eine Ausnahme, aber bald schon Alltag? – Wie kann man die erbaute Gigantomanie zukünftiger Großveranstaltungen nachträglich nutzen? Oder ist Sotschi gar nur der Anfang? Seit 2010 gibt es Pläne, die Hügel um Sarajevo von den Minen zu säubern und die zerstörten Skisprunganlagen zu erneuern. Wie sollte man eurer Meinung mit dem Erbe des Krieges umgehen? Als Mahnmal an den Krieg belassen oder einen Neustart wagen? Sarajevo in zehn Jahren – ein Ort der Trauer oder der Freude? Schreibt mir eure Meinungen und Eindrücke in die Kommentare!


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Weiterführende Links:

Quellenangaben:

Titelbild: https://de.m.wikipedia.org/wiki/Olympische_Winterspiele_1984#/media/Datei%3ASarajevo_Olympic_Symbol.jpg (22.05.2016, 07:07) – Zerschossenes Siegerpodest Sarajevo 1984.

 

http://www.vice.com/de/read/von-den-winterspielen-1984-in-sarajevo-sind-nur-noch-ruinen-uebrig (22.05.2016, 07:09) – Logo der olympischen Spiele v. Sarajevo in der gleichnamigen Stadt.

http://m.welt.de/vermischtes/article121333557/Die-lebensgefaehrlichen-Reste-von-Olympia-1984.html (22.05.2016, 07:11) – Umjubelter Tom Sandberg in der Schisprungarena.

http://www.vice.com/de/read/von-den-winterspielen-1984-in-sarajevo-sind-nur-noch-ruinen-uebrig (22.05.2016, 07:15) – Vorsicht Minen!

http://yomadic.com/sarajevo-bobsled-track/ (22.05.2016, 07:16) – Ruinen der olympischen Bobbahn.

http://www.vice.com/de/read/von-den-winterspielen-1984-in-sarajevo-sind-nur-noch-ruinen-uebrig (22.05.2016, 07:18) – Zieleinlauf der olympischen Bobbahn von 1984.

http://www.spiegel.de/fotostrecke/olympia-1984-ruinen-der-spiele-in-sarajewo-fotostrecke-111047.html (22.05.2016, 07:19) – Ruinen der großen und kleinen Sprungschanze.

http://www.spiegel.de/fotostrecke/olympia-1984-ruinen-der-spiele-in-sarajewo-fotostrecke-111047-10.html (22.05.2016, 07:21) – Sprungrichterturm nach dem Bosnienkrieg.

http://www.spiegel.de/fotostrecke/olympia-1984-ruinen-der-spiele-in-sarajewo-fotostrecke-111047-2.html (22.05.2016, 07:22) – Siegerpodest nach Renovierung.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/42/1984_Winter_Olympics_Sarajevo_Sports_Complex_1995-06-09_2.JPEG (22.05.2016, 07:24) – Zerstörte Zetra-Arena mit Gräberfeld.

http://www.thewire.com/global/2014/02/scenes-sarajevo-olympics-and-after-war/357793/ (22.05.2016, 07:28) – Zeta-Halle und Gedenkstätte nach Wiederaufbau.

http://www.spiegel.de/fotostrecke/olympia-1984-ruinen-der-spiele-in-sarajewo-fotostrecke-111047-5.html (22.05.2016, 07:30) – Maskottchen „Vučko“ an der Zetra-Halle.

http://www.spiegel.de/fotostrecke/olympia-1984-ruinen-der-spiele-in-sarajewo-fotostrecke-111047-15.html (22.05.2016, 07:31) – Zerstörte Bergstation in Sarajevo.

http://www.spiegel.de/fotostrecke/olympia-1984-ruinen-der-spiele-in-sarajewo-fotostrecke-111047-6.html (22.05.2016, 07:33) – Ruinen eines Hotels am Berg Ignaz.

http://www.urbexplayground.com/blog-tags/olympic (22.05.2016, 07:34) – Zerfallenes Hotel am Berg Ignaz.

http://www.vice.com/de/read/von-den-winterspielen-1984-in-sarajevo-sind-nur-noch-ruinen-uebrig (22.05.2016, 07:35) – Blick aus einem der zerfallenen Hotels nahe der olympischen Bobbahn.

http://www.vice.com/de/read/von-den-winterspielen-1984-in-sarajevo-sind-nur-noch-ruinen-uebrig (22.05.2016, 07:37) – Grabdenkmal am Skizentrum von Igman.

 

47 Gedanken zu „Nach Olympia kamen die Bomben

  • 22. Mai 2016 um 9:26
    Permalink

    Beklemmende Bilder. Ein besonders eindrückliches Mahnmal erhalten und sonst ein Neuanfang. Erinnerung ist wichtig, Weiterleben aber auch.

    Antwort
    • 26. Mai 2016 um 20:07
      Permalink

      Ja, zum Teil hat man dies auch schon gemacht: Die ehemalige Eislaufhalle wurde wieder aufgebaut, aber ob es je wieder so sein wird wie damals bezweifle ich. Zu dem befindet sich direkt vor der Halle ein großer Friedhof mit den Überresten der im Krieg getöteten Zivilisten.

      Antwort
  • 22. Mai 2016 um 10:23
    Permalink

    Ein beeindruckender Bericht, mit eindrücklichen Bildern – im wahrsten Sinne der Worte. Da bin ich voll im Widerspruch meiner Gefühle. Einerseits nimmt es mir fast den Atem und andererseits freue ich mich darüber, dass die Natur sich die Orte zurückerobert.

    Antwort
    • 26. Mai 2016 um 20:11
      Permalink

      Ja, das ist die Spannung die die Bilder ausmacht. Diese verlassenen Orte und die Geschichte dahinter haben auch mich in den Bann gezogen. Zudem hat sich ein neuer Wirtschaftszweig für die Region entwickelt: Der Katastrophentourismus!

      Antwort
        • 16. Juni 2016 um 21:55
          Permalink

          Ganz bestimmt. Warum sonst Pilgern jedes Jahr Millionen zum Forum Romanum in Rom oder Pompeji? Die Geschichte in Verbindung mit den Überresten vergangener Zeiten faszinieren eben. Irgendwie will doch jeder ein bisschen Indiana Jones, ein Entdecker und Erforscher sein.

          Antwort
  • 22. Mai 2016 um 12:15
    Permalink

    ach sarajevo, wie oft bin ich einst dort gewesen. eine stadt, deren multikultureller zauber mich immer wieder aufs neue erfreute. olympia in sarajevo war für mich der gipfel. und die bilder von heute, die du da zegst – ich kenne sie leider auch zu genau…

    Antwort
    • 26. Mai 2016 um 20:14
      Permalink

      Warst du auch nach Kriegsende einmal in dieser Region? Dieser Zauber in Verbindung mit der Kultur und Tradition hat der Bürgerkrieg leider komplett zerstört. Und der Ruf Sarajevos ist leider bei weitem noch nicht wieder hergestellt.

      Antwort
  • 23. Mai 2016 um 12:01
    Permalink

    Lieber Wolf,
    beklemmend sind diese Bilder und für mich ein Mahnmal. Sie könnten aus einem Endzeit-Film stammen. So furchtbar, daß sie aus dem wirklichen Leben kommen.
    Ich bin da auch im Zwiespalt. Soll man diese Ruinen wieder aufbauen und Milliarden investieren oder für die Nachwelt einfach als zum Frieden mahnende Nachlässe eines schlimmen Krieges stehen lassen?
    Daß sich die Natur das zurück erobert, was ihr der Mensch mal genommen hat, kommt mir als beste Lösung vor, gefühlsmäßig.
    Weiterhin sollte man jedoch die Grab- und Gedenkstätte pflegen. Zu Ehren der um’s Leben gekommenen Menschen und deren Familien.
    Ich kann mich noch so gut daran erinnern, wie ’84 die Leute durch unsere Stadt zogen und „Sarajevo“ riefen, schon in Vorfreude auf die olympischen Spiele. Wer hätte damals gedacht, was Entsetzliches dort geschehen wird.
    Vor einigen Jahren fuhren wir, weil es sich nicht vermeiden ließ, ein Stück nach Bosnien hinein. Ich weinte bitterlich im Auto, als ich die zerschossenen, zerbombten Häuser sah. Der Gedanke an die Familien, die Leben und Heimat verloren, lähmte mich.
    Wenn wir daran denken, daß es in so vielen Teilen der Welt so aussieht, könnte man verzweifeln. Aber wie brandy99 schon sagt, Weiterleben ist wichtig. Und versuchen, mit unserer Umgebung und mit den Mitmenschen in Frieden und gegenseitiger Achtung zu leben.
    Dankeschön für diesen beeindruckenden Bericht!
    LG Elisabeth

    Antwort
    • 26. Mai 2016 um 20:59
      Permalink

      Hallo Elisabeth,
      Auch für mich rufen die Bilder in erster Linie Beklemmnis hervor, aber auch eine gewisse Faszination. Schwer in Worte zu fassen, worin die Faszination an verlassenen Ortschaften und die dahinter verborgene Geschichte liegt. Ein Teil (wie die ehemalige Zetra-Halle) wurden mittlerweile wieder aufgebaut. Aber einerseits bedarf es vor einer vollständigen Revitalisierung einer langwierigen Entminung des Geländes und andererseits ist der Krieg in Form von Friedhöfen und Mahnmalen vielleicht ohnehin zu allgegenwärtig. Kann man sich über einen Weltcup Sieg im Skispringen freuen, wenn man gleich daneben einen Friedhof mit Tausenden getöteten Zivilisten hat? Bin selbst im Zwiespalt ob man beides vereinen kann. Oder anders: Ein Reitturnier im ehemaligen KZ Buchenwald würde man auch kaum veranstalten wollen. Nicht nur das dies Proteste der Überlebenden Opfer nach sich ziehen würde, sondern auch die Erinnerung einfach zu prägend ist.

      Ich muss ehrlich zugeben, dass ich noch nie in Sarajevo oder unmittelbaren Umgebung war und für die olympischen Spiele 1984 bin ich auch zu jung. Aber Bilder sagen ohnehin mehr als tausend Worte. Leider wurde im Krieg auch wirklich alles zerstört und das Land nagt seit der langerkämpften Unabhängigkeit an den zugefügten Wunden. Ich bin mir auch nicht sicher ob sich die Stadt selbst jemals vom Krieg gänzlich erholen kann. Es fällt mir echt schwer beim Wort „Sarajewo“ an etwas Positives zu denken, obwohl die Stadt mit ihrem kulturellen Mix sicherlich nach wie vor eine Menge zu bieten hat. Ich hoffe genauso wie ihr, dass das noch junge Land bald zur Ruhe kommt und gegenseitige Anfeindungen gegen den serbischen und montenegrinischen Nachbar bald ein Ende haben.
      Freut mich, dass dir mein neues Format „Starke Bilder – klare Worte“ gefallen hat! Wünsche dir noch ein schönes Wochenende!

      LG Da_Wolf

      Antwort
      • 27. Mai 2016 um 18:24
        Permalink

        Hallo Wolf,
        da zieh‘ ich mit dir an einem Strick! Ich finde auch, daß ein Wiederaufbau und dann auch noch Freigabe für den Sport, nicht unbedingt das Gelbe vom Ei ist. Nein, ich würde mich über keine Siege richtig freuen können! Käme mir vor wie ein Tanz auf den Gräbern.
        Diese unglaubliche Gefahr beim Räumen der Minen, die sicher wieder Menschenleben kostet. Lieber absperren und der Natur zurück geben. Heute neigt man sehr dazu, alles wiederaufzubauen. Ich denke aber schon, daß man nicht alles wegwischen soll. Ein paar Gedanken, ab und zu, über dieses Leid, das dort geschah, schaden uns nicht – im Gegenteil! Das heißt nicht ewige Trauer, aber ein bißchen drüber nachdenken, was der Mensch so anrichtet, in seiner Engstirnigkeit, Unachtsamkeit und Raffgier.
        Da das KZ Dachau nicht weit von uns weg ist, gehörte es zum Lehrplan, dort hinzufahren. Wir waren plötzlich ganz leise und ab da fing ich an, mich mit Rassismus auseinanderzusetzen. Mir war als junger Teenie bis dahin nicht richtig bewußt, um was es hier geht. Behütet auf dem Land aufgewachsen, war mir das Wort fremd.
        Wie du bereits schon mit einem anderen Beispiel verglichen hast, wie würden wir uns fühlen, auf dieses KZ-Gelände etwas draufzubauen? So wie in Bosnien auf dieses Olympiagelände? Auch in Dachau sind die Grundfeste der Baracken zu sehen. Niemand käme auf die Idee, dort Sporthallen oder Jugendherbergen etc. zu errichten! Allein beim Gedanken daran, wird mir elend. Einige sagen jetzt sicher, daß man das nicht vergleichen kann, aber hier wie dort sind Bäche Blut unschuldiger Menschen vergossen worden. Deshalb sind es für mich Plätze, bei denen wir keine Berechtigung haben, unserem Drang nach Neuem nachzugeben. Etwas dort draufzuklotzen, um dann im Trallala und Hopsassa dort umzuwerken, ist respektlos.
        Auch mich faszinieren verlassene Gebäude und Orte sehr. Sind dort keine Gräueltaten begangen worden, so spricht auch nichts dagegen, wieder aufzubauen oder Kulturgut zu erhalten oder Neues darauf zu errichten.
        Ein bißchen mehr Respekt vor allem, wäre in dieser Gesellschaft jedoch gut angebracht!

        LG Elisabeth

        Antwort
        • 31. Mai 2016 um 9:03
          Permalink

          Hallo Elisabeth
          Ich glaube eine gewisse Art von Revitalisierung würde der Region schon gut tun. Erneut Großveranstaltungen neben den Gedenkstätten durchzuführen sehe ich auch mehr als problematisch. Vergessen und an alte Zeiten anknüpfen ist sowieso nicht möglich. Der Staat Bosnien ist trotz 20 Jährigem Kriegsende politisch noch lange nicht zur Ruhe gekommen. Noch immer wurde der Staat nicht vollends von allen Nationen anerkannt und von der damaligen Grüße Jugoslawiens ist kaum etwas übrig geblieben. Die Minen zu räumen stellt sicher kein Problem dar. Palmyra in Syrien zeigte sehr deutlich, dass bei genügendem Interesse und finanziellen Mitteln eine Entminung gerade einmal wenige Wochen in Anspruch nehmen würde. Bezüglich der Gefahr kann ich dich auch beruhigen: Die Sprengung dieser Minen erfolgt heutzutage mittels Roboter. Einzig die Kosten sind ein Problem.
          Dachau ist für uns sicherlich nicht mit Sarajewo vergleichbar, aber das Trauma ist hier wie dort sicherlich vergleichbar. Jeder spricht immer nur von Srebrenica, aber das 3.Reich ist eben auch mehr als Mauthausen. Der Umgang mit den Sportstätten ist in meinen Augen das größte Problem. So lange der Kriegsschauplatz als beliebtes Ausflugsziel von Fotografen und Katastrophentouristen dient, wird man weder der Sportstätte noch den Opfern gerecht. Die Zukunft muss sich zuerst mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzen.

          LG Da_Wolf

          Antwort
      • 28. Mai 2016 um 14:44
        Permalink

        …..und dir auch ein sonniges, tolles Wochenende☀️☀️☀️☀️
        LG Elisabeth

        Antwort
  • 23. Mai 2016 um 15:15
    Permalink

    Ein schöner Artikel. Tatsächlich üben die Ruinen, weshalb sie wohl auch so ein beliebtes Fotomotiv sind, eine bedrückende und morbide Faszination aus.

    Geschichte endet für einen Ort jedoch nicht mit seinen schrecklichen Erfahrungen und wird durch ein Mahnmal gedeckelt. Es gibt Geschichte davor und es gibt die danach. Das Ganze als ein gigantisches Mahnmal zu erhalten, täte den Leben, Hoffnungen und Karrieren Unrecht, die sich zu einer anderen Zeit zu besseren Zwecken dort versammelt haben.

    Ein souveräner Umgang mit historischen Geländen und Zeugnissen aller Art ist das Gedenken zu erhalten und dem Ort zugleich durch neue parallel bestehende Funktionen und Konzepte Dasein und Leben zu ermöglichen. Erst so schlägt es die Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft anstatt unter der bleiernden Decke von Schuld und Mahnung zu einem leblosen Monument zu erstarren.

    —–
    Aber ich denke auch die Frage von Gigantonomie und übersteuerten Prestige-Neubauten ist in Zeiten ruinöser und nur noch kapitalgetriebener Massenveranstaltungen wie den Olympischen Spielen heutzutage mehr als je zuvor gefragt. Intellektuelle Konzepte für die Nutzung bestehender Anlagen mit gezielten Neubau und realistischen Nachnutzungskonzepten würde auch die Zustimmung zu Olympia wieder steigern, dessen sich die Bürger hier in Deutschland zuletzt zurecht verweigert hatten.

    Das Aufgeblasene Tamtam der letzten Jahre ist soweit vom eigentlichen idealistischen Kern der Spiele inzwischen entfremdet, dass die in Vorbereitung darauf betriebene Verschwendung von Volksvermögen und Verschleiß der Umwelt in keinem Verhältnis mehr steht bzw. nur noch dazu dient die Taschen einer gerontokratischen und sich gutsherrlich aufführenden Funktionärselite zu füllen, denen keine Korruption zu schmutzig und kein Regime zu fragwürdig ist, um auf dieser Basis eine peinliche Selbstbeweihräucherungsveranstaltung möglich zu machen.

    Antwort
    • 30. Mai 2016 um 23:37
      Permalink

      Vielen Dank für deine Antwort! Kann deinen Antworten kaum noch etwas zufügen und noch weniger widersprechen. Ich Fall von Sarajevo finde ich die Zweigleisigkeit zwischen der Veranstaltung und dem Spaß einerseits und den allgegenwärtigen Gedenkstätten andererseits schon sehr schwierig verwirklichbar. Wie schon in einem vorhergegangen Kommentar beschrieben, wer könnte sich den schon in Anbetracht dieser starken Erinnerungen an einem Sieg erfreuen? Ich muss dazu gerade an die Rennstrecke von Imola (ITA) denken, an der 1994 die Rennsportikone Ayrton Senna zu Tode kam. Die Formel 1 ist davor gefahren und auch danach. Aber nach seinem Tod stand dort der Rennsonntag nicht nur im Zeichen des Sports, sondern auch an die Erinnerung an seine Person. Sieger weinten vor Glück und vor Trauer! Speziell in Sarajevo wäre ohnehin zuerst das Problem der Minenfelder zu klären. Scheinbar war das Interesse an den ehemaligen Sportstätten ohnehin nicht groß genug, ansonsten hätte man das Gebiet schon unlängst entmint. Das wesentlich größere Palmyra hat es vorgezeigt, wie schnell dies geschehen kann. Eine Frage von Wochen – wenn die finanziellen Mittel bereitstehen und auch das Interesse vorhanden ist. Aber bei den aufzubringenden Geldern scheitert es wohl bereits. Das heutige Bosnien kann man nun leider nicht mehr mit dem Jugoslawien von damals vergleichen…

      Vor allem die olympischen Winterspiele zeigten es überdeutlich: In den Traditionsträchtigen Wintersportnationen (FRA, AUT, D, ITA etc…) gab es schon lange keine Olympiade mehr. Stattdessen ziehen die Austragungsorte in Regionen in denen man zwar bereit ist viel zu zahlen, aber die Gegebenheiten keineswegs vorhanden sind (2018 in Südkorea: Kaum Interesse an den alpinen Bewerben; Schneemangel, Schneelager müssen errichtet werden…). Und das milde Klima von Sotschi war auch nicht viel besser. Wer weiß ob es in Griechenland nicht schon früher zur Schuldenexplosion gekommen wäre, hätte man nicht noch eine Sommerolympiade wenige Jahre zuvor am Programm gehabt.
      Jeder spricht vom Erfolg der Fußballweltmeisterschaft, Europameisterschaft, Sommer- bzw. Winterolympiade aber in Wirklichkeit stehen die Kosten in keiner Relation zu den Einnahmen. Gewinne werden außerhalb der Arenen erzielt! Wie du schon sagtest: Bei den Funktionären!

      Antwort
      • 31. Mai 2016 um 22:57
        Permalink

        Wille und Finanzierbarkeit stehen dann leider auf einem anderen Blatt. In dem Fall würde ich meinen ist dann die Entscheidung ein Gelände (dieses Olympia-Gelände ist kein Einzelfall in Europa, ich denke auch an deutsche Gedenkorte und sogar einen sehr speziellen) in seiner zurückgelassenen Form als Gedenkstätte zu belassen, dann eher ein Eingeständnis von Unfähigkeit. Nicht in einem wertenden Sinn sondern im Sinne von Handlungsohnmacht. Das Geld steht nicht zur Verfügung und der Wille der dazu nötig wäre dies Geld zu beschaffen, ist anderweitig befasst.

        Das Postulat einer Gedenkstätte mit dem Anspruch es so zu erhalten wie es ist bei aber Handlungsabwesenheit (sprich das Gelände verwildern zu lassen, zumindest nicht erläuterisch aufzubereiten oder zu konservieren) kaschiert dann nur die Handlungsohnmacht. Meinte man das mit einer Gedenkstätte ernst, müsste man allein für den Erhalt der eigentlich mahnenden Substanz bereits Gelder investieren und müsste für eine historische Erschließung des Ortes eintreten.

        Ehrlicher wäre es zu sagen, wir haben weder für das eine oder das andere kein Geld, anstatt mit Sorgen über den richtigen Umgang nur zu verschleiern, dass es keine Alternativen gibt.

        Das mit dem Schatten ist eben dies, was den Gedenkcharakter besonders hervorheben würde. Die Parallelnutzung soll ja nicht dazu führen, dass man einfach in den normalen Alltagsbetrieb schaltet nd die andere Seite der Historie ausblendet. Im besten Fall kommen die Besucher auf subtile und unterschwellig präsente Art und Weise mit der schrecklichen Vergangenheit, für die das Gelände steht, in Kontakt ohne aber davon gänzlich überwältigt zu werden und dadurch das Vergangene als Fundament der Gegenwart zu begreifen.

        Brecht drückte es seinerzeit so aus, dass er an seine Theaterstücke den Anspruch stellte den Zuschauer nicht nur zum Denken anzuregen, sondern die Stücke sollten trotzdem noch unterhaltsam sein.

        Aber wo kein Geld und kein Wille, ist es eben mit dem einen wie mit dem anderen nicht weit her. Wer glaubt er könne eine vernünftige Gedenkstätte für lau haben, belügt sich selbst. Selbst ein Friedhof kostet Arbeit, Zeit und Geld.

        Antwort
        • 31. Mai 2016 um 23:34
          Permalink

          Ja, da hast du wieder absolut recht! Alle reden von einer vorhandenen Gedenkstätte, aber was macht eine echte Gedenkstätte wirklich aus? Eine marmorierte Tafel mit den Namen der Gefallenen bzw. sonstige Wegweiser alleine tragen kaum zum öffentlichen Gedächtnis bei, wenn man alles andere außen vor lässt. Das KZ Buchenau als Extrembeispiel ist sicherlich ein Ort der Ohnmacht. Dort lässt sich meiner Meinung nichts anderes errichten, als eine Gedenkstätte. Aber wenn, dann von vorne bis hinten, von links nach rechts und ganz und ehrlich! Das ehemalige KZ würde niemals dieselbe Wirkung haben, wären anstatt der Baracken nur ein paar steinerne Stehle im Wiesenboden zu finden. Im Vergleich dazu überlässt man die Olympiastätte von Sarajevo sich selbst und nennt es zum Guten Schein „ein historisch schützenswertes, wertvolles Zeugnis“. Aber dieser unklare Umgang mit dem Gelände ist wohl auch der Auslöser, dass ein Neustart und Abriss der Ruinen für manche als einfache Lösung erscheint. Die Erinnerung ist wohl in so manchem Kriegsmuseum lebendiger als dort vor Ort. Anstatt ein zum Nachdenken anregendes Mahnmal zu erschaffen, stellt man ein paar Tafeln mit den Opfernamen in die verwilderte Gegend.
          Ob die Besucher letztendlich nur auf subtile Art an die Geschehnisse erinnert werden, oder doch von der schrecklichen Vergangenheit überwältigt werden, hängt für mich auch mit der Schwere der Vergangenheit zusammen. Schließlich soll es nicht nur erinnern, sondern zukünftige Generationen warnen. Besonders in Bosnien, ein Land, das noch immer um die vollständige Anerkennung kämpft und nach wie vor in einem ethnischen Konflikt steckt.

          Wer glaubt er könne eine vernünftige Gedenkstätte für lau haben, belügt sich selbst. Selbst ein Friedhof kostet Arbeit, Zeit und Geld. – Genau so ist es!

          Antwort
      • 31. Mai 2016 um 23:05
        Permalink

        Noch eine kleine Ergänzung eine Anekdote von vor ein paar Tagen:

        Ich war gerade auf einem Besuch in Berlin und besuchte mit einer Freundin den Treptower Park. Sehr schön dort und gutes Wetter. Und wären wir in ein Gespräch vertieft am Ufer entlang schlenderten fiel mir am Wegesrand ein großer Fels mit Plakette auf. Ein Gedenkstein. Man hatte ihm einen Bootsführer gewidmet, der 2005 gestorben war und damit ein fast biblisches Alter erreicht hatte, der in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts daran beteiligt war bei einem Bootsunglück auf dem Fluss Kinder zu retten, während auf dem Stein auch die Opfer erwähnt waren.

        Ein stiller Moment der Einkehr, dass unweit von diesem Ort an dem wir gerade die Schönheit des Parks und das Wetter genossen zu anderer Zeit sich diese Tragödie ereignet hatte. Sie war für einen Moment sehr präsent und ich denke ich werde mich ihrer wohl auch zukünftig erinnern, gerade wenn ich noch einmal durch den Park gehen sollte, ohne aber das es mir die Schönheit des Ortes verleidet hätte.

        Sicher sind das nicht die gleichen Dimensionen wie ein verheerender Bürgerkrieg aber ich kann mir vorstellen, dass die psychologischen Mechanismen ähnlich sind.

        Antwort
        • 1. Juni 2016 um 23:38
          Permalink

          Schöne Anekdote! Ist doch sehr ähnlich zu den Stolpersteinen in Aut und De. Allgegenwärtig, aber nicht zu aufdringlich! Jeden Morgen vor Betreten der Arbeitsstelle blicke ich unbewusst auf den Namen im Boden. Besser kann Erinnerung kaum funktionieren…
          Es kommt natürlich immer auf die Dimension an. Man konnte eben schlecht aus jedem Haus, in dem ein Jude verschleppt wurde eine eigene Gedenkstätte bauen. Da wäre man wieder beim Thema des Umgangs mit der Vergangenheit und dem Weiterleben.
          Ein anderes Extrembeispiel, an dem man die Auseinandersetzung mit Geschehenem und die Unterdrückung der Vergangenheit an einer kleinen Geste für immer verändern könnte. Stell dir nur vor am Tiananmen Platz gebe es ab morgen eine kleine Gedenktafel, dass an das Massaker erinnert. Die Emotionen, die Genugtuung, die Gefühle … es würde vieles verändern. Ganz ohne übermächtige, allen Platz einnehmende Gedenkstätte.

          Antwort
      • 1. Juni 2016 um 0:32
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        Ja bei einem KZ ist das sicher eine andere Sachlage. Es wird wohl niemand auf die Idee kommen aus Buchenau einen Fußballplatz zu machen. Es kommt ganz entschieden auf die Historie an. Ich hatte das schon in meinem ersten Kommentar erwähnt, dass es die Geschichte davor und die danach gibt. Ich denke in Fall von Konzentrationslagern die spezifisch für diesen Zweck errichtet wurden, kann man an nichts anderes anknüpfen als den eigentlich Zweck für den sie gebaut wurden und über den man dann Aufklärung und Angedenken betreiben muss.

        Ein anderes Beispiel kam mir im letzten Jahr unter. Ich besuchte Wittenberg weil zu der Zeit gerade Luther-Hochzeit dort gefeiert wurde und ich mir das gerne mal anschauen wollte, zumal uns bald das große Reformations-Gedenkjahr bevorsteht. Ich erkundigte mich auch nach anderen Sehenswürdigkeiten in der Umgebung und am Rand vom Kreis gab es so eine Kleinstadt mit einem Schloss, dass stand da an die dreihundert Jahre und hatte im Laufe der Zeit sowohl Kurfürstinnen beherbergt, als Gefängnis und Zeughaus gedient und war schließlich auch kleines KZ gewesen.

        Man hatte vor Ort scheinbar erst frisch einen eigenen Anbau für die Gedenkstätte errichtet. Ich erfuhr, dass es auch früher ganz normale Feste und Veranstaltungen auf dem Gelände gab (obwohl die Substanz ganz offnenkundig verfällt, wo wir schon bei Geld waren) und in ein paar Gesprächen kristallisierte sich heraus, dass von der ganzen Geschichte die das Gebäude hat also diese 300 Jahre sich sehr verengten auf die wenigen Jahre in denen es eben als KZ genutzt wurde. Und da frage ich mich ob das ein vernünftiger oder souveräner Umgang ist, weil dieser Ort, der offenbar Wahrzeichen dieser ansonsten eher… nunja unscheinbaren fast schon dörflichen Stadt ist, damit für die Leute vor Ort eben mehr ist oder sein sollte als nur das Konzentrationslager, wie es die örtliche Gedenkstätte gemäß ihrem Auftrag, für den Geld dazu sein scheint, darstellt.

        Antwort
  • 23. Mai 2016 um 16:01
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    Es so zu lassen, wie es ist, wird die Erinnerung nicht hochhalten. Ich denke, etwas neues daraus entstehen zu lassen und aber aktiv zu erinnern und zu gedenken, kann ein Weg sein. Zum Thema Mega-Bauten für Großveranstaltungen kann ich nur regelmäßig den Kopf schütteln. Man denke nur an Brasilien oder Südafrika…. da ist mir einfach leid um die Menschen, denen man für all das Geld nachhaltig hätte helfen können und es aber nicht getan hat. Traurig.

    Antwort
    • 30. Mai 2016 um 23:55
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      Etwas Neues entstehen zu lassen ist sicherlich gut, aber in welcher Art und Weise? KZ Buchenwald ist auch eine Gedenkstätte und es ist auch etwas „Neues“ entstanden – Eine neue Gedenkstätte eben! Etwas anderes wäre wohl ohnehin nie möglich gewesen. Ob eine Sportveranstaltung in den Bergen Sarajewos die richtige Antwort auf diese Frage wäre, bezweifle ich für mich selber etwas. Das ist doch, als würde man neben einem KZ ein Einkaufszentrum errichten. Das hat in meinen Augen auch etwas von Pietätlosigkeit gegenüber den Opfern zu tun.
      Brasilien oder Südafrika ist der Wahnsinn! Man verspricht viel, man baut viel! Die reichen wurden reicher, die armen wurden ärmer und unliebsame Gesetze kurzerhand ausgehebelt. Man stelle sich doch einmal vor: Mit einer mittleren 2-stelligen Millionen Euro-Summe könnte man in Afrika genügend Trinkwasserbrunnen bauen, damit jeder Afrikaner Zugang zu sauberen Trinkwasser hätte. Warum macht man das nicht? Der reiche Westen lebt sich schließlich nicht schlecht von deren Armut! Wer arm und ungebildet ist, lässt sich leichter ausbeuten. Das ist nun einmal so…

      Antwort
      • 31. Mai 2016 um 14:52
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        Naja. Ich denke, es gibt schon etwas, was zwischen Gedänkstätte und Konsumtempel liegt und was vielleicht eine Annäherung sein könnte. Wobei es schon sehr wichtig ist, die Opfer und den Verlust und das Grauen zu würdigen. Aber dort nun für alle Ewigkeit den Fokus auf genau das zu lenken, den Verlust und das Grauen? Ich weiß nicht, ob das für alle Orte des Grauens der richtige Weg ist. Symbolisch kann es davon schon einige Plätze geben. Aber ausschließlich? Ich bin eher der Typ Hoffnung. Ich würde nach neuen Ideen suchen, neben der Würdigung auch die Hoffnung pflanzen und nähren. Naja, typisch Träumer halt… viele Grüße aus Wien.

        Antwort
        • 31. Mai 2016 um 22:56
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          Ja, du zeigst genau die Probleme für mich auf. Die typischen Probleme eines idealistischen „Architekten“. Schöner, besser und auch nachhaltig soll alles werden. Das Ding ist meist schnell mit den schönsten Adjektiva betitelt, aber das Skizzenpapier bleibt trotzdem leer. Denke aber gerade an das doch wunderschöne Angkor Vat: Vom Dschungel überwuchert und teilweise zerstört, aber genau diese Unordnung lockt jedes Jahr Millionen von Touristen ins Land. Aber welche Lösung es auch immer gibt – das Gelände muss auf jeden Fall entmint werden! Da sind wir uns wohl alle einig…

          Ebenfalls schöne Grüße aus Wien XIII 😉

          Antwort
  • 24. Mai 2016 um 16:31
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    ich denke, dass man diesen orten die würde zurückgeben muss. indem man neues schafft aber auch dem gedenken ausreichend raum und auseinedersetzungsmöglichkeit gibt. die verwahrlosung ist schlicht ein ausdruck von desinteresse.

    Antwort
    • 31. Mai 2016 um 0:22
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      Die Frage ist lediglich, welche Form von „neuem“ an einem geschichtlich sensiblen Ort stattfinden soll? Gedenken an die Toten einerseits und Restaurierung der Anlagen andererseits? Aber ich bin auf jeden Fall auf deiner Seite, wenn es um eine zeitlich nahe Entminung geht. An einem nicht betretbaren Gelände, kann auch kein Gedenken stattfinden. Der Wald wird sich immer mehr seiner Fläche zurückholen und die Erinnerungen einfach verschlucken.

      Antwort
  • 1. Juni 2016 um 12:16
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    der mensch, das einzige tier, welches sich durch kriege selber dezimiert.

    Antwort
    • 1. Juni 2016 um 23:26
      Permalink

      Dazu brauchte es erst Intelligenz, um dies zu schaffen! Da hüpf ich doch lieber tagtäglich von Baum zu Baum und genieße das Leben.
      Wohin führte uns das moderne Leben? Zu Stress, wenig Freizeit, Arbeits- / Zeitdruck und Depressionen…

      Antwort
      • 2. Juni 2016 um 15:02
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        dem stimme ich gern zu.
        wir tiere mit verstand verstehen daher wohl nicht, richtig mit dem verstand umzugehen.

        Antwort
        • 2. Juni 2016 um 20:58
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          um es zum Genozid überhaupt erst zu schaffen, brauchte es Intelligenz. Traurig aber wahr!

          Antwort
          • 3. Juni 2016 um 10:58
            Permalink

            daraus ergibt sich für mich: die menscheit wäre ohne intelligenz besser dran.

          • 10. Juni 2016 um 9:45
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            Glücklicher auf jeden Fall!

  • 2. Juni 2016 um 22:47
    Permalink

    Ein großartiger und gut recherchierter Bericht jenseits des Mainstream.
    Vielen Dank für die Eindrücke.
    Irgendwie traurige Kulissen;
    Jedoch muss ich gestehen, dass dieser morbide Charme nach Mode Fotoshootings schreit.
    Wenn ich da mal in der Nähe sein sollte, würde mich so etwas mehr interessieren, als ein Städtetrip etc.
    so etwas sieht man nicht überall.
    Das Fotohighlight für mich ist die Bob-Bahn.
    Der Ernst des Themas: Ich finde es traurig, dass diese blutenden Wunden des Krieges in allen beteiligten Regionen noch so allgegenwärtig sind.
    Ich habe dort auf dem Land so viele herzliche Menschen getroffen, die allesamt sichere Jobs und ein etwas sorgenfreieres Leben verdient haben.
    Aber trotzdem wird gelacht und gefeiert! Schön!

    Antwort
    • 10. Juni 2016 um 9:44
      Permalink

      Hallo Patrick!
      Entschuldigung erstmal, dass ich dir so spät antworte. Ich glaube, da hatten wir beide einen sehr ähnlichen Gedanken. Die Ruinen von Sarajevo wären prädestiniert für ein Mode-Photoshooting. Im Zuge meiner Recherchen bin ich auch auf einige Fotografie-HPs gestoßen, die genau das machten. Ich weiß zwar nicht was es ist, aber aus irgendeinem Grund ziehen uns diese Ruinenstädte wie magisch an. Sei es Italien, Ägypten oder Bosnien.
      Ich war bisher zweimal in der Türkei: Einmal zum Badeurlaub und das zweite Mal für einen Städtetrip. Auch ich war überrascht wie sehr unser Denken mit Clichés behaftet ist und wie unterschiedlich die Leute dort sind. So nett und herzlich! Sogar schon übertrieben hilfsbereit. Manchmal wollten sie mir den Weg zeigen, ohne das ich fragte oder selbst gewusst hätten wohin der Weg sei. Vor allem in den kleinen Dörfern faszinierte mich die Zufriedenheit, obwohl doch jede Art von Wohnkomfort fehlte. Vielleicht ist es auch genau diese Einstellung, die einen Wiederaufbau erschweren. Zumindest der ländlichen Regionen. Natürlich darf man die internationale Unterstützung, wie sie Kroatien nach dem Jugoslawienkrieg erfuhr nicht ganz vergessen.

      Antwort
  • 3. Juni 2016 um 13:52
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    Erst einmal ein Lob für diesen Bericht. Der vieles in mir bewegt hat.
    Ob und wie es mit einer Nutzung von Anlagen weitergehen mag, sollten meiner Meinung nach die Menschen entscheiden, die dort leben. Hier im sicheren Westen habe ich sicherlich eine andere Sichtweise auf den Erhalt oder Abriss, als jene, die dort Kugelhagel und Folter erlebt haben.

    Antwort
    • 10. Juni 2016 um 20:04
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      Ja, das kann man nicht wirklich verneinen 🙂

      Antwort
  • 10. Juni 2016 um 21:09
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    Dabei müssen wir hier im Westen nicht einmal so weit schauen. Vor der eigenen Haustür begegnen wir dieser Frage bzw. den Entscheidungen einer Weiterverwendung täglich.

    In Deutschland (Österreich, Schweiz …) gibt es unzählige Gebäude, die den zweiten Weltkrieg überstanden.

    Ich habe mich vor Jahren über div. Gebäude in Bochum erkundigt. Was ich über Schulen und Bürgerhäuser herausgefunden habe, hat mir Magenschmerzen bereitet. Dabei werden diese Bauten bis heute genutzt. Allerdings hat sich der Schleier des Vergessens ausgebreitet. In und an den Gebäuden erinnert nichts an die zeitweilig grausame Nutzung. Aber ist das die Lösung?

    Antwort
    • 16. Juni 2016 um 23:59
      Permalink

      Ich glaube ganz so einfach gestaltet sich die mögliche Lösung nun auch wieder nicht. Die deutschen Städte wurden wieder aufgebaut und auch Sarajevo steht wieder – soweit dies bis zum heutigen Tag möglich war. In all den Städten blieb den Bewohnern auch nichts anderes übrig, da diese selbst im Bombenhagel nie gänzlich verlassen wurden. Aber was mache ich mit einem Landstrich, der keine Bewohner mehr hat, weil er eben nie dauerhaft besiedelt war? Auch die Maya-Städte oder Angkor-Vat wären heute noch voller Leben, wenn die Bewohner sie nicht irgendwann einmal verlassen hätten und damit den Verfall einläuteten. Nur ist der historische Wert um ein vielfaches größer und daher sicherlich schützenswert. Instandhaltungskosten der „Ruinen“ lassen sich zumindest zum Teil durch den gesicherten Tourismus wieder hereinbringen. Ob zu den Olympiastädten von Sarajevo ein ähnlicher Andrang einmal herrschen könnte, wage ich jetzt einmal etwas zu bezweifeln. Ob und wie weit das olympische Sarajevo als schützenswert für die nächsten Generationen ist, kann ich als Außenstehender aber nicht wirklich beurteilen.

      Antwort
  • 7. August 2016 um 12:19
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    Die Gelder, die damals für dieses Projekt verschlungen wurden, der Ehrgeiz, die hochgesteckten Ziele, die Vision auf die Zukunft… Alles ist dem Erdboden gleich gemacht und nur aus einem Grund: der Mensch will Recht haben und behalten. Der pure Egoismus tobt auf dieser Welt. Mein Land, mein Haus, mein Recht, mein Geld, mein, mein, mein…
    Zivilisiert sollen wir sein? Wir sind ein Haufen von chaotisch, naiven Egoisten, den es lieber ist, der Stärkste an der Front zu sein und damit auf Facebook zu prahlen; als eine/r von vielen zu sein, die letztendlich einfach „nur“ glücklich und zufrieden sein wollen…

    Antwort
    • 16. August 2016 um 11:35
      Permalink

      Ja, so sind wir! Jugoslawien ging es wirtschaftlich nicht schlecht. Ein Land schöner Natur, in dem Menschen unterschiedlicher Religions- und Ethikzugehörigkeit auf Jahrhunderte friedlich zusammen lebten. Und von einem Tag auf den Anderen wurde der beste Freund, der Nachbar mit dem man Tür an Tür lebte, zum Todesfeind. Eine Hassbeziehung die es selbst nach über 20 Jahren noch immer gibt. Gewonnen hat niemand und verloren haben sie alle. Abgesehen von Kroatien das sich gut erholt hat, sind die Nachfolgestaaten eine wirtschaftliche Ruine. Da erscheint der Olympiapark nicht allzu unpassend. Sarajevo hat sich wieder sichtlich erholt, aber vom alten Glanz und Ruf als Tourismusstadt ist man noch sehr weit entfernt.
      Bei Facebook muss ich in letzter Zeit sehr oft an die Fotoplattform Instagram denken: Wieviele junge Leute (meist Frauen) sich mit anrüchigen Bildern der Welt zeigen wollen, um auch etwas vom Kardashian-Fame abzubekommen. Selbst wenn man damit Erfolg hat – kann man darauf stolz sein? Ich für mich schwimme gerne mit der Masse mit und genieße mein privates Glück! Sollen doch die Anderen sich wichtigmachen…

      Antwort
      • 18. August 2016 um 13:53
        Permalink

        Ja wenn es denn so leicht wäre. Einfach den Schwachsinn ausblenden und schon ist Frieden. Leider ist dem nicht so. Denn dieser Wahnsinn, der da draußen gerade tobt, wird auch uns betreffen, wenn es eskaliert. Und es wird eskalieren und tut es ja schon mit all den Anschlägen und Drohgebärden diverser Nachbarländer. Und an Jugoslawien sowie zig anderen Beispielen erkennt doch Jeder (egal welcher Bildung) das alle nur verlieren können und verloren haben. Irgendein Gefühl ist daher so stark, dass es jeglichen Menschenverstand außer Kraft setzt. Darüber sollten wir alle einmal nachdenken – respektive wir sollten die Ursache finden, bevor es zu spät ist.

        Antwort
        • 7. September 2016 um 10:34
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          Meine Antwort kommt zwar diesmal reichlich spät, möchte aber trotzdem noch etwas beifügen: Wenn man sich die Ursprünge von IS ansieht, dann findet eine Konfliktlösung schon lange nicht mehr statt. Es ist vielmehr eine Verfrachtung von Konflikten. Als Beispiel der Afghanistankrieg: Al Kaida wird von den USA im Kampf gegen Russland unterstützt (Kalter Krieg, Stellvertreterkrieg); 11. September und danach – Kampf gegen Al Kaida; Irak-Krieg: Kampf gegen Saddam um Ölmilliarden; Afghanistan und Irak versinkt im Chaos – Erstarkung von Al Kaida; Arabischer Frühling – Regimewechsel – Revolutionäre kommen an die Macht – Machtvakuum entsteht; Al Kaida bildet Splittergruppen bzw. es bildet sich Nährboden für weitere Radikale Gruppierungen; Entstehung von ISIS und anderen Gruppierungen (teils aus dem Terrorsumpf von Al Kaida)…
          Terrorgruppen sind wie Wanderheuschrecken. Sie vermehren sich sehr schnell und sind sehr anpassungsfähig.
          Die Welt ist sicherlich gefährlicher geworden. Früher fürchtete man Atombomben. Aber diese Art von Angriffe ist noch viel berechenbarer als Kinder mit Sprengstoffgürtel…

          Antwort
  • 27. August 2016 um 9:57
    Permalink

    1984 wurden mit Sarajevo zum ersten Mal die olympischen Winterspiele in einem kommunistischen Land ausgetragen.

    Das stimmt nicht ganz, 1980 waren die Spiele in Moskau und Tallinn.

    Aber es ist eine Schande wie der BalkanKrieg aus einem friedlichen Vielvölkerstaat ein Kriegsschauplatz machte, an dessen Ende nur die Waffenlobby gewann, während Menschen ihr Leben verloren, die zuvor im selben Haus in bester Nachbarschaft lebten. Nur einer der vielen Regime Change die Weltweit nur Opfer hervor brachten.

    Antwort
    • 7. September 2016 um 9:15
      Permalink

      Vielen Dank für den Hinweis. Interessanterweise hat noch niemand zuvor den Fehler bemerkt – nach mehr als vier Monaten!
      Der Balkankrieg kann man wirklich als europäische Schande ansehen, da abermals ein Konflikt vor unseren Augen außer Kontrolle geriet und alle negativen Anzeichen zuvor ignoriert wurden. Ein Völkermord in einem modernen Europa nach 1945 hätte es wirklich nicht gebraucht…
      Das reiche Westeuropa spielt auch jetzt wieder den Hilflosen in Konflikten, die längst außer Kontrolle geraten sind. Aber in Wirklichkeit will man nur kein Risiko für sich selbst eingehen. Zumindest so lange wie möglich – bis es zu spät ist und der Krieg unsere Grenzen erreicht. In Österreich sind damals tatsächlich schon die Panzer an den Grenzen aufgefahren, um im Falle eines grenzüberschreitenden Angriffs zurückzuschlagen. Zum Glück blieb dieser Schusswechsel aus.

      Antwort

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