Zuerst vernichten sie die Zukunft, dann die Vergangenheit

Kaum eine andere Stadt wie Palmyra wird in den letzten Tagen und Wochen so oft in den Medien zitiert. Die Rede ist hierbei nicht von einer Millionenmetropole wie Aleppo, Damaskus oder Homs, sondern von Überresten einer längst untergegangenen antiken Stadt. Obwohl in unmittelbarer Nähe die Großstadt Tudmur liegt, findet diese kaum Erwähnung. Was macht nun dieser Haufen Steine so besonders, dass die Zerstörung einer Ruine durch den IS gegenüber den Kriegsverbrechen an der Bevölkerung in den Vordergrund tritt?

 

Um doch einmal ehrlich zu sein: Wen erschüttert es heute noch, wenn in Bagdad (Irak) sich jemand in die Luft sprengt oder ganze Familien in Syrien hingerichtet werden? Gesicherte Informationen treten, wenn überhaupt, oftmals Woche später zu Tage und könnten täglich eine 100-seitige Zeitung füllen. Doch was macht nun eine Oasenstadt wie Palmyra so besonders? Auch dort wird getötet und geschändet wie überall im Land, doch steht der Umfang der Berichterstattungen zu anderen Orten des Landes in keiner Relation dazu.

Lage und Machtgebiete um Palmyra vom 26.8.2015
Lage und Machtgebiete um Palmyra vom 26. 8. 2015.

Bei der Fülle an Taten, Einzelschicksalen und Angriffen im Allgemeinen kommt Palmyra eine eher symbolische Bedeutung zu. Eine Bedeutung die eher mit Auslegung des Islam in Verbindung mit dem IS zu sehen ist und der Identität des Landes in Form von Architektur. Es ist ein Symbol für den Irrsinn des Konfliktes und eines einhergehenden Verlustes für die Ewigkeit. Jedoch ist davon so gut wie nie die Rede davon. Es wird immer davon gesprochen, dass die Oasenstadt Palmyra zum Unesco Kulturerbe gehört und deshalb geschützt werden muss! Als die Ruinen von Nimrud durch den IS zerstört wurden, war der Aufschrei in den Medien groß – aber nur von kurzer Dauer.

Warum nun Palmyra einen Sonderstatus in der Bedeutung und im Schutz genießt, wurde durch den Archäologen Schmidt-Colinet im „Standard“-Interview genauer erläutert. Bei der Frage, warum die Kulturstätten von Palmyra um so viel bedeutender als die bereits zuvor vom IS gesprengten Denkmäler sind, führt er auf drei Gründe zurück. Erstens ist die Stätte kulturpolitisch, zweitens militärisch und drittens wirtschaftlich das Herz Syriens. Überdies befindet sich in unmittelbarer Nähe die einzig große Tankstelle zwischen Damaskus und Euphrat. Soweit seine Begründung fürs Erste. Doch die wahren Gründe, die den schwierigen und aufopfernden Kampf um den Schutz des Gebietes gerechtfertigen, sind die Ruinen selbst.

Die historische Stadt Palmyra hatte es geschafft, ein Schmelzpunkt der Kulturen zu werden.
Die historische Stadt Palmyra hatte es geschafft, ein Schmelzpunkt der Kulturen zu werden.

„…Und die Ruinen von Palmyra zeigen das Aufeinanderprallen von Ost und West. In Palmyra haben sich die griechisch-römischen Kulturen des Mittelmeers mit den vorderasiatisch-mesopotamischen einheimischen Kulturen getroffen. Das hat sich nicht nur nebeneinander – hier das eine, da das andere – entwickelt. Die Palmyrener haben es geschafft, eine eigene, völlig neue Kultursprache zu entwickeln – sowohl schriftlich als auch in den architektonischen Denkmälern.“ 

– Schmidt-Colinet

Als der „Standard“ nach den inhalt der eigenen lokalen Kultursprache zu sprechen kommt, könnte die Antwort nicht überraschender und Wegweisender sein. Schmidt-Colinet zeigt dies am Beispiel des „Baal Tempels„:

„Der Bel-Tempel sieht von der einen Seite aus wie ein griechisch-römischer Tempel. Für jeden westlich gebildeten Griechen oder Römer, der da durch die Straßen ging, war er als Sakralbau verständlich. Und von der Seite sah der Tempel aus wie ein orientalisches Heiligtum.“

– Schmidt-Colinet

Folgerichtig steht Palmyra als Symbol für die Vermischung der verschiedenen Kulturen. Das Nebeneinander und die Toleranz sicherte die Machtverhältnisse und den Wohlstand über lange Zeit!  Der IS widerum lässt nur sich und seine missbräuchliche Auslegung des Islams gelten. Wer sich den Regeln nicht unterordnet, wird vernichtet. Reichtum und Frieden sucht man schon lange in Syrien und der umgebenden Region. Sei es durch die Taliban, den IS und auch allen anderen Gruppierungen und Abspaltungen, von denen es Unzählige gibt!

Ab 1753 wurden die Ergebnisse der Ausgrabungen in einem monumentalen Tafelwerk publiziert, die als Wegweiser für die klassizistische Architektur in Europa wurden, und somit auch ein Teil unserer Identität darstellen. Danach wurde Palmyra weltweit zum Mekka für Archäologen und zog auch immer mehr Touristen an. Es wurden Hotels errichtet, Führungen organisiert und gipfelte in einer wichtigen Einkommensquelle für den Wüstenstaat die bis 2011 bestand hatte.

Zumindest kann der Archäologe Schmidt-Colinet noch etwas Licht an das Ende des Tunnels bringen – wenn auch wenig: Aufgrund der Weite und Größe der Anlagen sind höchstens 2-3% der antiken Stätte um Palmyra bislang erforscht worden und liegt somit ein Großteil noch immer unentdeckt unter der Erdoberfläche geschützt…

Wie denkt ihr über den Schutz kultureller Stätte? Ist es vertretbar in einem Land, das vom Bürgerkrieg gezeichnet ist, sich damit zu befassen? Wie kann man die historischen Anlagen am besten schützen, oder sollte man sich damit abfinden und sich über die „wahren“ Probleme den Kopf zerbrechen? Wie wichtig ist unsere Vergangenheit? Sagt mir eure Meinung dazu in den Kommentaren!!


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Weiterführende Links:

Das komplette Interview mit Schmidt – Colinet in Der Standard.at (31.8.2015, 00:13)

Palmyra auf Wikipedia (31.8.2015, 00:10)

Die Eroberung von Palmyra durch die IS (30.8.2015, 23:35) Bericht des Handelsblatt vom 20. Mai 2015 – Deutsch

Die Palastanlagen von Nimrud vor der Zerstörung (30.8.2015, 23:37) – Deutsch

Zerstörung des Baaltempels (30.8.2015, 23:48) – Bericht vom 30.8.2015 von Die Welt – Deutsch

 

Quellenangaben:

Titelbild: http://www.lessentiel.lu/de/news/ausland/story/IS-veroeffentlicht-Fotos-von-Tempel-Zerstoerung-27946634 (31.8.2015, 00:06)

 

3 Gedanken zu „Zuerst vernichten sie die Zukunft, dann die Vergangenheit

  • 23. Mai 2016 um 19:54
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    Der Sieger schreibt die Geschichte – so ist es immer schon gewesen. Selbstverständlich versuchen sie dort alles zu vernichten, was ihrem Weltbild widerspricht. Das so etwas in einem Land wie Griechenland passieren könnte ist eine schreckliche Vorstellung

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    • 31. Mai 2016 um 0:11
      Permalink

      Wie wir heute wissen: Zum Glück wurde in Palmyra nicht alles zerstört! Sieht man sich andere Hochkulturen aus der Antike etwas genauer an, gab es das Phänomen der Ausrottung eines falschen Weltbildes bereits seit frühester Zeit. Man denke nur an Tutanchamun.

      Antwort
      • 31. Mai 2016 um 17:25
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        Ja, es gibt ja glücklicherweise immer noch Zufälle welche Leibniz Spruch vom zureichenden Grunde untermauern.

        Antwort

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